Steigt Frankfurt ab, Jan Age Fjörtoft?

Spiel mir das Lied vom Tor

Jedes Jahr im Mai muss Jan Age Fjörtoft von einem legendären Last-Minute-Treffer aus der Saison 1998/1999 erzählen. Nervt das nicht?

Imago

Ehemalige Fußballprofis haben es nicht immer leicht. Früher hatten sie zumindest klar umrissene Aufgaben. Sie betrieben ihre Fußballschulen im pfälzischen Hinterland oder sie eröffneten Lotto-Toto-Annahmestellen in der süddeutschen Großstadt.

In einer Zeit, in der es schwer fällt, vom großen Fußballzirkus loszulassen, werden viele von ihnen Experten und tingeln am Wochenende durch total aufregende Sport1-Sendungen, total kuschelige Talkshows oder total freakige Internetshows.

One-Hit-Wonder der Bundesliga
 
Besonders hart ist es dort für jene Ex-Profis, die mit einem besonderen Ereignis in Verbindung gebracht werden – ganz egal ob sie 300 Bundesligaspiele gemacht oder bei Weltmeisterschaften gespielt haben. Frank Mill ist so einer. Er ist bis heute der Spieler, der einst das leere Tor nicht traf. Thomas Helmer heißt ein anderer Ex-Spieler aus dieser Riege. Er ist der Kronzeuge des legendärsten Phantomtors der Bundesligageschichte. Oder Friedel Rausch, Stichwort: Hundebiss.
 
Wenn also mal wieder ein aktueller Spieler aus zwei Metern nur den Pfosten trifft, kann man guten Gewissens sein originales BVB-Uhu-Trikot aus der Saison 1981/82 verwetten, dass am nächsten Tag in der »Bild« oder auf 11freunde.de ein Interview mit Frank Mill erscheint – oder zumindest das Video seines Fauxpas.
 
Fußballjournalisten sind da ziemlich einfallslos. Glaubt ihr nicht? Hier ein Dialog aus der heutigen 11FREUNDE-Themensitzung:
 
Redakteur 1 (motivierend): Wir müssen noch was zur Relegation machen.
Redakteur 2 (gelangweilt): Joa.
Praktikant 1 (neunmalklug): Jan-Age Fjörtoft hat doch mal die Eintracht gerettet. 1999 war das. Mit einem Übersteiger-Tor. Wusstet ihr das?
Redakteur 3 (altväterlich): Irre Wende! Ich habe natürlich seine Nummer.
Redakteur 1 (ermutigend): Toll! Anrufen!
Praktikant 1 (euphorisch): Das wird sicherlich total interessant! Frankfurt gewann damals ja 5:1 gegen Kaiserslautern, weswegen Nürnberg abstieg. Passt doch total gut.
Redakteur 2 (genervt): Wir haben allerdings schon circa acht Mal mit ihm über dieses Tor gesprochen.
Redakteur 1 (brandredend): Vollkommen egal! Machen! Die Leute wollen das lesen! Die sind heiß da drauf! Das Spiel elektrisiert! Der Mann ist witzig und schlagfertig!

»Lieber Jan, stehe uns heute bei«
 
Wir kennen Jan-Age Fjörtofts aktuellen Terminkalender nicht. Eine Zeit lang hat er bei »Sky« als Experte gearbeitet, momentan ist er Teammanager der norwegischen Nationalmannschaft.

Außerdem arbeitet er quasi Fulltime bei Twitter, seit Juli 2011 hat er dort jedenfalls 81.700 Tweets abgesetzt. Der aktuellste ist ein Retweet eines Fans: »Lieber Jan, stehe uns heute bei. Lass uns ein Wunder geschehen und die Klasse wie 1999 bestehen.« Ach ja.
 
Wie lange soll das noch so weitergehen? Hofft Jan Age Fjörtoft heimlich, dass heute Abend Alex Meier in der fünften Minute der Nachspielzeit den 1:0-Siegtreffer in Nürnberg erzielt? Oder sitzt er in Wahrheit eh den kompletten Mai vor seinem Telefon und wartet auf die Journalisten, die ihn anrufen und fragen, wie das damals war mit dem Wunder von Frankfurt, mit dem Übersteiger, mit dem Mann, der vermutlich auch die Titanic gerettet hätte?