Stagniert die deutsche Nachwuchsförderung?

»Das ist eine Durststrecke, die wir dieses Jahr haben«

Nicht nur die U 17 hat mit dem Vorrundenaus bei der EM ihr Ziel verfehlt. Die U 19 ist in der EM-Qualifikation an Norwegen gescheitert und die U 20 vor einem Jahr im WM-Achtelfinale gegen Sambia ausgeschieden. »Das ist eine Durststrecke, die wir dieses Jahr haben«, sagt Joti Chatzialexiou, der seit Januar als Sportlicher Leiter für alle Nationalmannschaften beim DFB zuständig ist. Zumindest hofft und wünscht er sich, dass diese Durststrecke auf ein Jahr beschränkt ist. Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff hat allerdings vor kurzem von den Beobachtungen der U-Nationaltrainer erzählt: Vor einigen Jahren habe es noch sechs oder sieben herausragende Talente pro Jahrgang gegeben, heute seien es nur noch zwei oder drei.

So wie andere Nationen aufgeholt haben, so hat die Ausbildung der Deutschen nach den goldenen Jahren 2009ff. ein wenig an Tempo verloren. In der Nachwuchsarbeit gelten inzwischen die Engländer als führend, die sich die Ausbildung nicht nur richtig viel kosten lassen, sondern auch ein paar gute Ideen umgesetzt haben. So haben sie zunächst massiv in die Trainerausbildung investiert. Außerdem legen sie mehr Wert auf die individuelle Schulung der Fußballer, weniger auf mannschaftstaktisches Verhalten. »Es sind die Basics, die Eins-gegen-eins-Situationen, die wir nicht gut lösen«, sagt U-20-Trainer Kramer.

»Kicken lassen, so oft wie möglich kicken lassen«

Neu ist auch diese Erkenntnis nicht. Hans-Dieter Flick hat schon im Sommer 2015, noch als DFB-Sportdirektor, dieses Problem in einem Interview mit dem »Tagesspiegel« deutlich angesprochen: »Unsere Spieler in den Leistungszentren können alle einen perfekten Aufsatz über die Spielsysteme schreiben, aber wir müssen sehen, dass sie in den Basics top sind. Wir müssen sie ermuntern, sich spielerisch auszutoben. Ich möchte Spieler haben, deren Stärke das Eins-gegen-eins ist und die sich auch trauen, diese Qualität einzusetzen.« Das gilt nicht nur für Offensivspieler; es gilt auch für Verteidiger, die sich nicht mehr alleine in Defensivzweikämpfe wagen, sondern gedoppelt oder getrippelt werden müssen. »Am Ende verlernen unsere Jungs die deutschen Tugenden – dass es eben auch mal knallt im Zweikampf«, sagt der 42 Jahre alte Chatzialexiou.

U-20-Nationaltrainer Kramer hat sich beim FC Barcelona das Nachwuchstraining angeschaut. Kein Klub steht so für perfektes Passspiel wie der FC Barcelona. Aber im Training gibt es gar keine konkreten Passübungen für die Nachwuchskicker. Sie lernen es in Spielformen. In Deutschland hingegen werden Stangen in den Rasen gerammt und das Passspiel in seine Einzelteile zerlegt: frei laufen, entgegen gehen, Schulterblick, Ballannahme, passen. »Dann wundern wir uns, dass das, was im Training ohne Gegnerdruck funktioniert, im Spiel mit Gegnerdruck nicht funktioniert«, sagt Kramer. Man müsse die Kinder »kicken lassen, so oft wie möglich kicken lassen«, fordert er. »Aber ich glaube, dass wir manchmal ein bisschen in uns selbst gefangen sind.« Im Hang zur Perfektion.