St. Paulis schwieriger Umbruch

Der Königstransfer heißt Andreas Rettig

Der Königstransfer auf Leitungsebene heißt Andreas Rettig. Seine Verpflichtung als administrativer Geschäftsführer ließ alle verstummen, die noch zweifelten, ob es die neuen Bosse wirklich ernst mit der Professionalisierung meinen. Noch einer, der nicht ansatzweise in Verdacht steht, im St. Pauli-Filz festzuhängen. Obwohl der frühere DFL-Funktionär beinahe unterschriftsreif mit Hannover 96 verhandelt hatte, entschied er sich für St. Pauli. Rettig passt perfekt zur Philosophie, Mitarbeiter zu mehr Verantwortung, zum Durchziehen zu erziehen. »Ich habe schon in Freiburg und Augsburg bei Underdogs gearbeitet«, sagt er über seine Beweggründe. »Ich finde es gerade reizvoll, mit wenig Geld und viel Arbeit dem Establishment ein Schnippchen zu schlagen.«

Obwohl der Klub stolz auf sein stets ausverkauftes Stadion, die mittlerweile 22 000 Mitglieder und rund 20 Millionen Sympathisanten weltweit ist, hat der Rettig-Transfer einen Selbstbewusstseinsschub bewirkt. Tenor: Wenn so einer auf Geld verzichtet, um hierher zu kommen, könnte es tatsächlich klappen. »Wenn es einem Klub im modernen Fußball gelingen kann, neue gemeinschaftliche Leitlinien aufzustellen, mit denen sich das gesamte Umfeld identifizieren kann, so dass der Erhalt unserer Werte bei gleichzeitiger Professionalisierung über einen demokratischen Prozess ermöglicht wird«, sagt Oke Göttlich stolz, »dann der FC St. Pauli.«

»Ich werde immer dafür eintreten, was aus meiner Sicht wichtig für diesen Verein ist«

Hoffnung macht dabei auch die Diskretion, mit der agiert wird. Auch auf St. Pauli kam es öfter vor, dass Neuverpflichtungen vor der offiziellen Bekanntgabe nach außen drangen. Seit das neue Präsidium im Amt ist, scheint das Leck abgedichtet. Womöglich ist in einem Führungsgremium, das aus aktiven Fans besteht, die bislang nie den Drang verspürten, in ihrer Arbeit für den Klub eine besondere Wahrnehmung zu erhalten, Eitelkeit nicht so ausgeprägt.

Dafür steht auch Aufsichtsratschefin Sandra Schwedler. Die 35-Jährige musste von der Pressestelle regelrecht überredet werden, einer Boulevardzeitung ein Interview zu geben. Bislang war ihr nie in den Sinn gekommen, in dem Revolverblatt stattzufinden. Zum Vergleich: Beim HSV ließ einst Udo Bandow, der Boss der Hamburger Börse, nach seiner Berufung zum Aufsichtsratschef offiziell ermitteln, wie sich seine Bekanntheitswerte in der Hansestadt veränderten. Schwedler macht sich über Popularität keine Gedanken. Sie ist sich der Gefahr bewusst, dass sie sich durch Kompromisse, die sie als Aufsichtsrätin im Zweifelsfall mittragen muss, von der Fan-Szene entfernen könnte.

Angst davor, ihren Idealen untreu zu werden, hat sie jedoch nicht. »Ich werde immer dafür eintreten, was aus meiner Sicht wichtig für diesen Verein ist«, bringt Sandra Schwedler das Gefühlsleben vieler in der Klubführung auf den Punkt. »Ich hätte nur Angst davor, dass wir durch eine unvorhergesehene Krise die Chance, die sich uns bietet, nicht so nutzen, wie wir es uns vorgenommen haben.«
 
Aber bis das passiert, schreibt Ewald Lienen skandalträchtige Agenturmeldungen lieber selbst.