St. Paulis schwieriger Umbruch

Ewald Lienens Happy End im Profifußball

Die Suche nach einem arrivierten Experten, der sich mit prekären Tabellensituationen auskennt, endete bei Ewald Lienen. Das Präsidium stellte den 61-Jährigen ein, weil es Lienen aus sportlicher Sicht für den Richtigen hielt. Bald aber zeigte sich, dass die Wahl auf einen gefallen war, der für das Umfeld auch ideologisch den größten gemeinsamen Nenner darstellte. Da fand zusammen, was längst zusammengehörte: Ewald Lienen, zu aktiven Zeiten Symbol des friedensbewegten, politisch engagierten Profis, und der linke Verein, der sich just in diesem Moment anschickte, den Traum von der Fan-Mitbestimmung zu vollenden.

Lienen weiß, dass er im Hafenviertel nicht nur Übungsleiter ist, sondern der Exponent einer Philosophie: »Hier wird Demokratie mit allen Konsequenzen aktiv gelebt.« Doch er empfindet das keineswegs als beschwerlich, sondern auch als eine Art Happy End seines Lebens im Profifußball. »Es ist das Wesen der Demokratie, sich an Debatten zu beteiligen und sich auch mit abweichenden Meinungen unaufgeregt auseinanderzusetzen«, so Lienen. »Ich habe als Spieler aktiv erfahren, dass man versuchte, mein Recht auf freie Meinungsäußerung zu beschränken. Deshalb habe ich überhaupt kein Problem damit, dass es ein wichtiger Teil des Gesamtprojekts St. Pauli ist, hier Kompromisse gemeinschaftlich zu erarbeiten. Wenn es sein muss, auch in harten Debatten.«

Begeisterungsfähigkeit im Kampf gegen den Mainstream

Zudem scheint der Trainer-Veteran in Präsident Göttlich einen Wiedergänger erkannt zu haben, der sowohl über große Begeisterungsfähigkeit im Kampf gegen den Mainstream verfügt als auch über einen ähnlich gearteten Humor. So schickte Lienen dem Präsi, der ihn nach dem Klassenerhalt in den Urlaub abkommandiert hatte, eine selbstverfasste Agenturmeldung per SMS:

»Pressemitteilung SID. In einem Exklusivinterview bestätigte St. Pauli-Trainer Ewald Lienen die Gerüchte, nach denen es zu Unstimmigkeiten zwischen ihm und der Vereinsführung gekommen sei. Insbesondere beklagte der 61-jährige Fußball-Lehrer drei Fälle von klarer Nötigung. Nachdem der Präsident ihn nach dem Spiel in Darmstadt unter Einsatz körperlicher Gewalt für alle ersichtlich vor dem Mikrofon des TV-Senders »Sky« weggezogen habe, so Lienen, »zwang er mich gestern zu einem Friseur seiner Wahl zu gehen sowie unmittelbar danach zur Heimreise nach Mönchengladbach, um meinen Urlaub anzutreten, obwohl ich noch viel Arbeit zu erledigen habe.« Es bleibt abzuwarten, wie sich die Vorfälle auf die weitere Zusammenarbeit auswirken werden. SID/eigener Bericht.« Göttlich beömmelt sich immer noch.

So wie das neue Präsidium und der Aufsichtsrat ist auch der Trainer unverdächtig, Seilschaften im Klub zu unterhalten. Der Abstiegskampf hat auf unsanfte Art allen klargemacht, dass Profifußball im Rotlichtbezirk keine Selbstverständlichkeit ist. Die Konkurrenz wird größer, insbesondere wenn sich der Klub weigert, weitere Deformationen des Kommerzes zuzulassen. Kurz: Der FC St. Pauli kann als Modell langfristig in den Top 30 nur überleben, wenn er aus begrenzten Mitteln mehr Ertrag erzielt. »Mit der Astra-Flasche steigen wir nicht auf«, sagt Oke Göttlich, »sondern nur mit Experten, die bestenfalls die Werte von St. Pauli und höchstmögliche Qualifikation vereinen.«

»Spieler kommen auch zu uns, weil sie Geld verdienen wollen.«

Der Lizenzspieleretat liegt bei knapp unter zehn Millionen Euro. Da sich der Einstieg eines Investors verbietet, ist es fast zwangsläufig, dass die Fans für ihr St. Pauli-Ideal auch finanziell eintreten müssen. Die Kosten für einen Raum im Stadion, in dem die Ultras ihre Fahnen lagern, wurden bereits auf den Ticketpreis umgelegt. Langfristig wird womöglich auch das Modell akut, Klubanteile an Anhänger zu veräußern.

Thomas Meggle, seit dem Rücktritt als Trainer Sportdirektor auf dem Kiez, sieht sich in dem Zwiespalt, gleichzeitig Realpolitiker und Oppositioneller sein zu müssen. »Spieler kommen auch zu uns, weil sie Geld verdienen wollen, nicht nur, weil sie den Verein und die Stadt toll finden«, so der Ex-Profi. »Auf der anderen Seite versuchen wir, gegen die typischen Mechanismen des Fußballs zu arbeiten.« Seine größte Herausforderung sieht Meggle darin, hochwertige Spieler zu finden, die sich so mit der Klubphilosophie identifizieren, dass sie bereit sind, bessere Angebote anderer Klubs auszuschlagen. Nur wenn das gelingt, kann der FC St. Pauli weiter sportlich mithalten.