St. Paulis schwieriger Umbruch

Die neue Führung will die Fans auf allen Ebenen einbinden

Aber darin liegt die Krux. Die neue Führung will die Fans auf allen Ebenen einbinden. Das setzt aber voraus, dass jeder Einzelne sich klar positioniert, aber am Ende auch mit Kompromissen leben kann. Die Zeit des oft bequemen Dagegenseins soll vorbei sein. Jeder aktive Fan steht nun in der Verantwortung, das Prinzip mitzutragen. Wenn Göttlichs Utopie Realität werden soll, das weiß der Präsi, sind Transparenz und gegenseitiges Vertrauen die einzige Möglichkeit. »Wir müssen in jedem Gremium die Themen so moderieren, dass sie alle verstehen. Das beinhaltet, dass Mitarbeiter oder Verantwortliche auch Entscheidungen mittragen, die den größtmöglichen Kompromiss oder sogar die Enttäuschung einer der vielen Peer Groups bedeuten«, so Göttlich. »Die Disziplin, dann nicht den persönlichen Unmut – am besten noch öffentlich – rauszulassen, muss jeder aufbringen. Sonst sind wir lost.«

Hehre Prinzipien, ehrgeizige Visionen. Doch als Oke Göttlich sein Amt im November 2014 antrat, musste die vielleicht wichtigste Peer Group, die Mannschaft, erst einmal den Absturz in die Drittklassigkeit verhindern. Obwohl St. Pauli seit dem letzten Bundesligaabstieg 2011 vor jeder Saison den Etat erhöhte, hielt die sportliche Entwicklung nicht Schritt. Durch eine Fan-Anleihe, die 2018 fällig wird, und den Stadionneubau lasten 40 Millionen Euro Verbindlichkeiten auf dem Verein. Das Tafelsilber in Form der Merchandise-Rechte hatte der Klub in den Wirren der Beinahe-Insolvenz bereits 2005 für die absurde Laufzeit von 30 Jahren an eine Agentur verhökert. Inzwischen liegt der Fall beim Bundesgerichtshof. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Einnahmen in zwei bis drei Jahren wieder in die Vereinskassen fließen.

»Aus Fan-Sicht hätte ich gesagt: Na gut, steigen wir halt ab«

Die neue Aufsichtsratschefin Sandra Schwedler, seit ewigen Zeiten in der Fanarbeit aktiv, schwante angesichts der prekären Lage zum ersten Mal, in welchen Zwiespalt sie sich katapultiert hatte. »Aus Fan-Sicht hätte ich gesagt: Na gut, steigen wir halt ab«, so Schwedler. »Aber mit der Kenntnis der Zahlen und dem Wissen über die Konsequenzen eines Abstiegs, habe ich als Aufsichtsrat schon anders auf die Situation geschaut.«

Bei den ersten Gesprächen zwischen Präsidium und Aufsichtsrat über die Etatplanung wurde mit Karten in den Ampelfarben gearbeitet, um zu ermitteln, was noch sozialverträglich wäre, wenn der Klub weitere Gelder erlösen müsste: Wappen, Farben, Stadionnamen, bargeldloses Bezahlen im Stadion, da waren sich alle einig, bekämen eine »Rote Karte«, der Deal mit Under Armour oder Vermietungen des Stadions abseits der Spieltage eine »Grüne Karte«.

Erschüttert stellte die neue Führung derweil fest, wie überfordert manche Mitarbeiter mit der Situation waren. Bei dem Klub, der so stolz auf seine Meinungsfreude ist, herrschten auf operativer Ebene starre hierarchische Strukturen. »Der Klub war sportlich ein Sanierungsfall und in Sachen Führungsstrukturen ausbaufähig«, sagt Oke Göttlich. »Der Mut, Verantwortung zu übernehmen, war bei vielen gar nicht vorhanden. Anfangs hatte ich den Eindruck, ich wäre bei dem Klub in den Zeiten von Papa Heinz.« Immobilienmogul Heinz Weisener hatte den FC St. Pauli nach der Wende mit seinem Geld über Wasser gehalten und zeitweise in die Bundesliga geführt. Göttlich hatte davon geträumt, den FC St. Pauli im Sinne der Fans auf eine neue Entwicklungsstufe zu heben. Nun musste er Mitarbeiter motivieren, eigenverantwortlich zu arbeiten.

»Es gab hier viele, die glaubten, aufgrund ihrer Vergangenheit Anspruch auf einen Job zu haben«

Zudem stellte sich noch ein anderes Problem. Obwohl der FC St. Pauli von seiner Philosophie her nicht auf Personenkult ausgerichtet ist, ist um den Klub dennoch über die Jahre ein Klüngel aus alten Helden gewachsen, die sich in Krisensituationen Hoffnung auf ein Amt machen. Rufe nach den Heilsbringern wurden lauter, nach »Stani«, nach »Boller«, ja, sogar nach Michael Frontzeck, der 2013 entlassen wurde, als der Klub auf Platz sechs der Zweitligatabelle stand. Vielleicht war es ein Vorteil, dass die neue Führung so schnell handlungsfähig sein musste. Jedenfalls informierte das Präsidium getreu seines selbst auferlegten Transparenzgelübdes Coach Thomas Meggle darüber, dass es sich auf Trainersuche begebe, und folgte dann strikt dem engen Anforderungsprofil.


»Es gab hier viele, die glaubten, aufgrund von Leistungen in der Vergangenheit Anspruch auf einen Job zu haben«, beschreibt Oke Göttlich die Wochen vor Weihnachten 2014. »Davon müssen wir wegkommen. Es geht nicht, dass sich Menschen oder Gruppierungen, wie in der Vergangenheit öfter, direkt oder indirekt an unserem Verein bereichern oder eigene Interessen über die des Klubs stellen.«