St. Paulis schwieriger Umbruch

»Wir wollen erreichen, dass der Klub personenunabhängig funktioniert«

Doch was auf dem Papier nach verhärteten Fronten klingt, ist auf dem Kiez nur eine der zahllosen Debatten, die ausgefochten werden. Denn der ständige Dialog ist entscheidend dafür, dass die Identifikation des Publikums mit dem Klub stabil bleibt. Wer das für selbstverständlich hält, muss nicht mal nach Hannover blicken, wo die Ultras ein Jahr lang auf Support verzichteten, oder nach Nürnberg, wo das zerrüttete Verhältnis zwischen Kurve und Team für unrühmliche Schlagzeilen sorgt. Er muss nur rüber zum Volkspark schauen, wo sich die größte Ultragruppe des HSV aus Frust über die Ausgliederung der Profiabteilung aufgelöst hat. »Das wäre bei uns nicht denkbar«, ist sich Brux sicher.

Eine Entwicklung, die mit der Eingliederung des Hafenstraßenbewohners Brux vor über zwanzig Jahren im Maschinenraum begann, wurde im November 2014 mit der Wahl von Oke Göttlich zum Vorstandschef abgeschlossen. Auch wenn sich der 39-Jährige gegen den Begriff »Fan-Präsident« wehrt, umschreibt dieser doch perfekt seine Rolle. Zuvor hatte der Klub entweder auf Mäzene, die notfalls mit eigenem Vermögen aushalfen, oder auf in der Stadt vernetzte Strippenzieher gesetzt. Göttlich aber stammt aus dem Kern der Fan-Szene. Er betreibt seit Jahren Basisarbeit, hat als Journalist und unruhiger Geist in Fan-Gremien an dem FC St. Pauli mitgewerkelt, den wir heute kennen.

Wie kann der Verein langfristig im Profifußball überleben?

Wer Göttlich jedoch für einen Fahnenschwenker hält, der nun auf der Geschäftsstelle mal ordentlich durchlüften will, unterschätzt den Inhaber eines Online-Musikvertriebs gewaltig. Als Vorstandsmitglied des Verbandes Unabhängiger Tonträgerunternehmen tritt er für die Rechte von 1200 deutschen Indie-Labels ein, die im schwierigen Musikmarkt stetig schwinden. Gerade hat er in einer Marathonverhandlung mit erwirkt, dass die Margen, die Apple für seinen Streamingdienst an die unabhängigen Labels zahlt, sich noch deutlich erhöhten. Auch wenn er wie ein Rücksacktourist wirkt, Göttlich hat klare Vorstellungen, was er erreichen möchte. Und: Der Ehrenamtler an der Vereinsspitze ist durch seine Arbeit gestählt im Kampf gegen Institutionen.

Kurz nach der Inthronisierung des neuen Präsidiums wurde auch ein neuer Aufsichtsrat gewählt, der sich ebenfalls in großer Zahl aus Leuten aus dem Fan-Kern rekrutiert. Die große Frage, die die neue Führung bewegt: Wie kann ein Verein, der seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt, wenn er LED-Banden aufstellt oder seinen 15-minütigen Werbeverzicht vor Anpfiff aufgibt, langfristig im Profifußball überleben? Doch die neuen Bosse haben eine Antwort: Es kann funktionieren, wenn wirklich alle an einem Strang ziehen.

Entkonventionalisierung bei gleichzeitiger Professionalisierung

»Wir wollen erreichen, dass der Klub personenunabhängig funktioniert«, erklärt Oke Göttlich die kühn anmutende Vision einer Entkonventionalisierung bei gleichzeitiger Professionalisierung, »das setzt voraus, dass jeder, der für den Klub etwas erreichen will, es nicht im Eigeninteresse tut, sondern im Interesse des Vereins. Und da sind alle – auch die Fans – gefordert, sich verantwortungsbewusst zu Dingen zu positionieren und Kompromisse mitzutragen.«

Wer die hitzigen Diskussionen kennt, die im Fan-Ausschuss selbst zu Detailfragen geführt werden, ahnt welcher Kraftakt vor Göttlich liegt. Die aktive Fan-Szene ist ein Meinungsgestrüpp, das selbst für Kenner der St. Pauli-Ethik oft schwer zu durchdringen ist. Entscheidet die Geschäftsstelle, die Dauerkarten mit dem augenzwinkernden Schlachtruf »Scheiß St. Pauli« zu bedrucken, geht manchem im Fan-Laden der Hut hoch. Nicht etwa, weil sie den Klub verunglimpft sehen, sondern weil ihnen der ironische Umgang mit der eigenen Realität zu anachronistisch scheint, zu Old-School-Pauli-mäßig.

Sogar Mitarbeiter der Hilfsorganisation »Viva Con Agua«, die sich für Trinkwasser in Entwicklungsländern einsetzt, müssen sich in Fan-Foren rechtfertigen, weil Puristen Zweifel an der Sozialverträglichkeit aufgedeckt haben wollen. Und man kann nur vermuten, welche Grundsatzdebatten getobt haben, ehe das Präsidium mit dem US-Hersteller Under Armour für die kommende Saison einen neuen Ausrüstervertrag abschließen konnte. Denn trotz einer gründlichen Markenanalyse, die das Unternehmen im Vergleich mit anderen Sportartiklern unter sozialen, wirtschaftlichen und qualitativen Voraussetzungen scannte, wandten engagierte Fans zurecht ein, dass die Sparte »Jagd«, die seit jeher zur Produktpalette des Unternehmens gehört, doch nur schwerlich mit den Werten des Klubs in Einklang gebracht werden könne.