St. Paulis Fanszene nach dem Derby

Steht das Image über allem?

»Das Problem ist nicht, dass gezündet wurde, sondern wie. Das Mackertum, diese Hooliganismus-Anleihen, das hat im allgemeinen Bild von St. Pauli eigentlich keinen Platz«, sagt Ben. Das verstärkt den Eindruck, dass es eben auf allen Tribünen Querschläger gibt. Im Verantwortungsbereich der Ultras sind es die, die sich martialisch inszenieren. Auf der Gegengerade sind es jene, die sich fragen müssen, was es bedeutet, St. Pauli-Fan zu sein, politisch zu sein, in einer traditionell etwas anderen Fanszene. Und das sind nicht die Teile der aktiven Fanszene, wie Sven Langner sagt: »Auch auf St. Pauli, wie an allen Standorten auch, gibt es eine Konkurrenz zwischen aktiver Fanszene und Stadionbesuchern, die die Heimspiele quasi konsumieren. Da stehen – überspitzt ausgedrückt – zweitausend Aktive 28.000 weiteren Besuchern gegenüber, die sich auf der Tribüne oder in den sozialen Medien äußern, aber nicht in die Prozesse einbringen.« Wer Fan eines Klub sein möchte, darauf hat man keinen Einfluss. Aber wieso kommen diese Leute ausgerechnet nach St. Pauli?

»In Fußballdeutschland existiert ein gewisses Bild von St Pauli«, sagt Langner. »Vieles davon ist berechtigt, vieles aber auch nicht. Ja, wir sind ein Verein, der auf vielen wichtigen politischen Ebenen Haltung zeigt. Aber Klischees wie zum Beispiel das der ewig gewaltfreien Szene sind Quatsch. Gewalt gab es schon, als in den 80ern eine aktive Fanszene entstand. Wenn auch zum Glück deutlich weniger als an vielen anderen Standorten.« Umgekehrt läuft auch die Romantisierung der Fans von St. Pauli offensichtlich an der Realität vorbei. Viele Menschen im Stadion interessieren sich womöglich mehr für den Kult, für das Image des Klubs. Sie bezeichnen sich als St. Pauli-Fans, doch eine Derbyniederlage ist für sie wie jede andere. »Wenn jetzt Leute schreiben, sie wollen austreten, weil sonst Pyrostrafen mit ihren Mitgliedsgebühren gezahlt werden – deutlicher kann man doch nicht zeigen, wie egal dir der Verein ist«, sagt Ben. »Da sind Leute, die sich Fans nennen und Bodyscanner vor dem Stadion fordern. Wie kommt man als vermeintlicher St. Pauli-Fan auf so eine Idee?«

Solche Forderungen, ebenso wie angebliche Traumata von Neunjährigen oder der Aufruf, alle Süd-Dauerkarten neu zu vergeben, kommen natürlich von außerhalb der aktiven Fanszene. Deren Diskussion bewegt sich auf einer anderen Ebene.

Wer ist St. Pauli-Fan und was bedeutet das?

Langner sagt: »Eine aktive Fanszene zu balancieren ist ein ständiger Prozess und bedeutet immer auch Abstecken von Grenzen. Dazu gehören notwendigerweise auch Grenzüberschreitungen und interne Diskussionen. Das auszuverhandeln ist wichtig, um die Fanszene zu konsolidieren und sich weiterentwickeln. Nach dem vergangenen Wochenende besteht natürlich Gesprächsbedarf.« Dazu kommt die politische Dimension: »Dieses Selbstbild von St. Pauli als Speerspitze der linksliberalen Fußballfans mag seine Berechtigung haben«, sagt Nick*, langjähriger St. Pauli-Fan und Dauerkarteninhaber. »Aber man muss sich auch manchmal selbst hinterfragen.«

Wer ist St. Pauli-Fan und was bedeutet es, das zu sein? Was heißt es, politisch zu sein? Reicht ein »Refugees Welcome«? Oder zieht man sich auf den gewaltfreien demokratischen Konsens zurück und putzt Sparkassen? Es sind keine einfachen Fragen, mit denen sich die Fanszene auf dem Kiez auseinandersetzen muss und die das Umfeld des FC St. Pauli noch länger beschäftigen werden. Und es ist symptomatisch, dass die sportliche Leistung dabei fast in Vergessenheit gerät. 

Über das Sportliche wird nicht mehr geredet

»Bei den Vorfällen während des Spiels, die beinahe zum Abbruch der Partie geführt hätten, entstand bei den Verantwortlichen der Eindruck, dass die Selbstinszenierung von Teilen der Fanszene eine größere Bedeutung hat als der Verein und das Spiel der Profimannschaft«, schrieb der Verein in einer Stellungnahme, die mehr nach enttäuschtem Vater als wütendem Chef klang. Nick sagt, die szeneinternen Debatten seien ihm mittlerweile einigermaßen egal, »aber es nervt mich, wie die gespielt haben. Und darüber wird eben nicht geredet.«

»Die Vorfälle und anschließenden Diskussionen sind nichts anderes als St. Pauli-Fans, die in ihrer Überheblichkeit um sich selbst kreisen«, sagt Ben. »Die Fanszene ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, statt über das Sportliche zu reden.« Fragen danach, ob man mit dem Trainer aufsteigen könne, oder ob die Mannschaft sich weiterentwickle, würden gar nicht gestellt. »Es wirkt, als wäre das eigene Image und auch das Image des Vereins wichtiger als alles andere.« 

 

Und während nach den Vorkommnissen vom letzten Wochenende die verschiedenen Teile der aktiven Fanszene vor der eigenen Tribüne kehren und sich anschließend miteinander auseinandersetzen müssen, ist das vielleicht das eigentliche Problem auf St. Pauli: Was bedeutet es eigentlich, Fußballfan zu sein?


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*Namen von der Redaktion geändert