Spieler des Spieltags (28): Marco Reus beim BVB

Bescheidener Held

Es scheint, als habe die Karriere von Marco Reus ihren Höhepunkt bereits überschritten. Zu oft verletzt, zu lange ausgefallen. Trotzdem wird Reus beim BVB zum Helden werden. Mindestens.

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»Von Zeit zu Zeit vergesse ich, dass Marco Reus existiert. Dann trifft er gegen mich in FIFA15.« Diesen Tweet setzte ich Anfang des Jahres ab. Soeben hatte Marco Reus auf der Playstation ein Traumtor gegen mich erzielt. Im echten Leben steuerte er hingegen auf das Ende einer seiner unzähligen Verletzungspausen zu.

Tatsächlich fühlte es sich lange Zeit so an, als ob diese virtuellen Geniestreiche das Einzige waren, was ich von Marco Reus zu sehen bekam. Ein Drama bei einem Spieler, dessen offensives Potential im deutschen Fußball der Gegenwart seinesgleichen sucht und über den Franz Beckenbauer nach seinem Wechsel zum BVB sagte: »Reus wird der nächste Superstar schlechthin.«

Ebenso schade ist, dass Reus weder mit dem BVB noch mit der Nationalmannschaft bislang einen großen Titel gewinnen konnte. Außer dem DFB-Pokal im vergangenen Jahr, als er zur Halbzeit mit ebenjenem Kreuzbandriss ausgewechselt wurde, der ihn bis vor wenigen Wochen zum Zuschauen verdammte.

Reus wird als Held abtreten

Für die erfolgreichste Ära unter Klopp kam er 2012 zu spät, das Champions-League-Finale im Jahr darauf ging dramatisch verloren und in der Liga sehen 17 Mannschaften seitdem nur die bayrischen Rücklichter. Und trotzdem, egal was noch passiert in seiner Zeit beim BVB: In Dortmund wird Marco Reus eines Tages als Held abtreten, auch wenn das mit 28 Jahren hoffentlich noch in ferner Zukunft liegt.

In gewisser Weise nämlich ist er der Gegenentwurf zum semi-unfreiwilligen Geschäftsmodell des BVB als Ausbildungsverein der Spitzenklubs. In Zeiten, in denen sich abwanderungswillige Stars wie Dembélé und Aubameyang so lange danebenbenehmen, bis der Verein sich das Trauerspiel nicht mehr ansehen will und einem Wechsel zustimmt, verlängert Marco Reus seinen Vertrag beim BVB. Bis 2023. Maximaldauer. Romantik pur. Echte Liebe mal nicht als Marketinghülse, sondern als Handlungsmotiv.

»Ich wollte dem Verein und meinen Mitspielern zeigen, dass hier etwas entstehen kann«, begründete er seine Entscheidung. Klar, mit seiner Erfahrung und seinen Qualitäten kann er vorangehen, ein Team führen. Nur: So sehr die Dortmunder Verantwortlichen es auch versuchten, wegen der ständigen kleinen und großen Verletzungen ließ sich auf Dauer kein Team um die zentrale Säule Marco Reus aufbauen.

»Der wirft kein Geld zum Fenster raus«

Bei FIFA 15 wechselte Marco Reus im Karrieremodus früher oder später entweder zu Manchester City oder Real Madrid. Auch im echten Leben waren die beiden Vereine und viele weitere Topklubs interessiert. Und vermutlich bezweifelt niemand, dass er sich bei The Skyblues oder Los Blancos auch tatsächlich durchgesetzt hätte. Nur ob es dazu noch kommen wird, das darf definitiv bezweifelt werden.

Mit dem Quasi-Rentenvertrag bei Schwarz-Gelb scheint es so, als sei Marco Reus bescheiden geworden. Das soll nicht heißen, dass der gebürtige Dortmunder davor ein überambitionierter Großkotz gewesen wäre. Im Gegenteil: »Der wirft kein Geld zum Fenster raus, ist ein bescheidener Junge geblieben«, sagte sein Vater Thomas mal über ihn. Und nichts, wirklich nichts spricht dagegen, ihm zu glauben.