Spaniens Meisterschaft ist so eng wie noch nie

Runter vom Heroin

In der Primera Division kämpfen Barcelona, Atletico und Real um den Titel – nirgendwo in Europa geht es spannender zu.

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In Galicien, am Atlantik, ist Spanien vielleicht am wenigstens spanisch. Schroffe Felswände prägen die Küste, es regnet oft, und so mancher alter Brauch geht eher auf die Kelten denn auf die Kastilier zurück.

Vielleicht sollte es so sein, dass der FC Barcelona gerade in dieser von Mystik beseelten Gegend die Geister der vergangenen Wochen vertreiben konnte. Bei Deportivo La Coruna gewann Spaniens Meister am Mittwoch 8:0 – ein Ergebnis, wie es ansonsten eher in Regionen unterhalb der Kreisliga vorkommt.

Kurz darauf gewannen auch die beiden Madrider Klubs Atletico und Real ihre Spiele und nun hat die Primera Division, worum sie ganz Europa beneidet: ein echtes Titelrennen. Wobei das noch furchtbar untertrieben ist, tatsächlich handelt es sich um den spannendsten Meisterschaftskampf in der Geschichte der Liga.

Barcelona und Atletico punktgleich, Real einen Zähler dahinter

Seit Start der Primera Division 1928 bestimmt der Zweikampf zwischen Barcelona und Real Madrid das Geschehen, nur vereinzelt und vorübergehend konnten andere Klubs in die Phalanx eindringen. Die Rolle des Störenfrieds kommt mit einiger Beharrlichkeit schon Atletico Madrid zu. In der Tabelle sieht es wie folgt aus: Barcelona liegt punktgleich vor Atletico an der Spitze, Real folgt dem Duo mit einem Zähler Rückstand.

Vier Runden sind noch zu gehen und es wäre wohl realistischer, ein erfolgreiches Comeback von Axel Schulz zu prophezeien, als vorherzusagen, wer in Spanien als Sieger aus dem Ring steigt.

Das liegt daran, dass derzeit stets das Gegenteil vom Erwarteten eintrifft. Im Februar konnten nur jene Menschen an ein Herzschlagfinale glauben, die es vor der Saison in England mit Leicester City hielten. Fantasten also.

Barcelona lag zehn Punkte vor dem Zweiten Atletico und stürmte dem erneuten Triple entgegen. Dass Anfang April der Clasico daheim gegen Real verloren ging, wen kümmerte es? Der Vorsprung war immer noch riesig. Wer wollte schon ernsthaft glauben, Barca könnte auch die folgenden zwei Spiele verlieren und nur einen Punkt aus vier Spielen holen? Wer außer Ramon Besa? Der Fachmann und Autor prognostizierte dem Verlierer des Clasicos einen schweren April.

Eine große Krise bei Barca

Anfruf bei Besa. Señor Besa, können Sie hellsehen? »Nein, natürlich nicht. Ich bin selbst überrascht, welches Ausmaß die Krise bei Barca angenommen hat«, sagt Besa. Eine fundierte Erklärung hat auch er nicht, und das ist nur ehrlich. Sicher, da sind die vielen Spiele in dieser Saison, der kleine Kader und die wenigen Alternativen von der Bank. Dazu kommt die plötzliche Formkrise der drei Unglaublichen da vorn, Lionel Messi, Neymar und Luiz Suarez. Aber all das reicht sicher nicht, um ernsthaft zu begründen, wie eine Mannschaft nach 39 Spielen in Folge ohne Niederlage in solch ein Loch fallen kann.

Der Kolumnist Rafa Cabeleira verglich Barcas Formkrise mit einem Jungen aus sehr gutem Elternhaus, von dem plötzlich bekannt wird, dass er auf Heroin unterwegs ist. »Alle fragen sie warum und wie konnte das nur passieren, aber eine Antwort hat niemand«, schrieb Cabeleira in der Zeitung »El Pais«.