Soviel Umbruch steckt wirklich in der Nationalelf

Der Hauch eines Neuanfangs

Alles neu macht der Löw? Warum die erste Halbzeit gegen Serbien furchtbar war. Was trotzdem Hoffnung macht. Hier kommen vier Thesen zum ersten Länderspiel des Jahres 2019.

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»Zeit, dass sich was dreht«, sang Herbert Grönemeyer im Sommermärchen-Jahr 2006. In den vergangenen Wochen scheint dies Joachim Löws neues Lieblingslied zu sein. Lautete Löws Motto nach der verkorksten WM 2018 zunächst noch »Weiter so!«, hat er ein halbes Jahr später die halbe Nationalmannschaft umgekrempelt.

Viel wird dieser Tage über die Neuausrichtung der DFB-Elf debattiert. Junge Spieler, mehr Tempo, eine neue Taktik: Das alles verspricht Löw den Fans. Doch kann er diese Versprechen auch halten? Das 1:1 gegen Serbien lieferte keine klare Antwort. Licht und Schatten wechselten sich ab. Hier kommen vier Thesen zum #NSTRT.

1. Personelle Neuaufstellung: Ja, auf jeden Fall!
Egal wie man Löws versuchten Neuanfang bewertet: Man muss ihm zugutehalten, dass er die Mannschaft im vergangenen halben Jahr personell massiv umgekrempelt hat. Im Testspiel gegen Serbien fand sich mit Manuel Neuer nur noch ein einziger Weltmeister von 2014 in der Startaufstellung wieder. Mit Jonathan Tah, Lukas Klostermann, Marcel Halstenberg, Kai Havertz und Leroy Sané standen gleich fünf Spieler in der Anfangsformation, die bei der WM 2018 gar nicht dabei waren. Löw hat die Mannschaft massiv verjüngt. 

Zugleich baut er weiter die zentrale Achse seines Teams um. Joshua Kimmich scheint mittlerweile auf der wichtigen Position im zentralen Mittelfeld gesetzt. In der Viererkette erhält Bayern-Innenverteidiger Niklas Süle eine herausgehobene Rolle als Abwehrchef. Und vorne darf Timo Werner als einziger Stürmer beginnen. Diese Spieler standen bei der WM noch im Schatten von Mats Hummels, Toni Kroos und Kollegen, sollen in Zukunft aber Löws zentrale Achse bilden.

Nur im Tor hat Löw noch keinen Neubeginn gewagt. Marc-André ter Stegen muss sich weiterhin mit der Rolle als Nummer zwei begnügen, Neuer bleibt Stammtorhüter und Kapitän. Ansonsten muss man ein halbes Jahr nach der WM konstatieren: Löw hat das Gesicht der Mannschaft massiv verändert, sowohl in der Breite als auch bei den Führungsfiguren.

2. Taktische Neuaufstellung: Nicht so wirklich
Angesichts der stark veränderten ersten Elf mutete es fast bizarr an, wie wenig Veränderung es auf taktischer Ebene gab. Löw stellte seine Mannschaft in einer 4-2-3-1-Variante auf. Die Außenstürmer sollten in die Mitte rücken, die Außenverteidiger weit nach vorn. Im Mittelfeld durfte Ilkay Gündogan eine etwas vorgeschobene Rolle spielen, Kimmich sicherte für ihn ab.

Das kommt einem bekannt vor? Kein Wunder. Genau mit demselben System ließ Löw während der WM spielen. Entsprechend plagten die DFB-Elf in der ersten Halbzeit altbekannte Schwächen. Das deutsche Team konnte zwar den Ball laufen lassen und den Gegner dominieren. Es mangelte im letzten Drittel jedoch an Tempo. Die Spieler wussten nicht, wie sie gegen die tief verteidigenden Serben durchkommen sollten, die Deutschland mit einem ultrakompakten 5-4-1 matt stellte.

Auch defensiv fiel die deutsche Mannschaft in alte Muster zurück. Mit ihrem tiefen 4-4-1-1-Mittelfeldpressing konnten sie nur wenig Druck ausüben auf den Gegner. Zudem stimmte die Konterabsicherung nicht. Wie schon bei der WM klaffte eine große Lücke im zentralen Mittelfeld. Neuanfang? Davon war in der ersten Halbzeit fußballerisch nichts zu spüren. Serbien führte verdient mit 1:0.