Sollen Stehplätze abgeschafft werden?

Schales Gefühl

Befriedung durch Schalensitze: Schon wieder wird in Deutschland über die Abschaffung der Stehplätze debattiert. Ohne Sinn und Sachverstand.

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Es war in den Tagen nach dem Relegationsspiel in Düsseldorf, als eine Mitarbeiterin der ARD-Sendung »Hart aber fair« in der Redaktion klingelte und anfragte, ob man nicht am Mittwochabend mit anderen Fachleuten über die Gewalt beim Fußball diskutieren wolle. Erst wollten wir nicht, dann doch, schließlich aber war die Runde der Gäste schon komplett, und als wir die Talkshow sahen, wussten wir, dass wir noch mal sehr großes Glück gehabt hatten. Denn mitten in der Sendung hielt der rätselhafterweise eingeladene Johannes B. Kerner auf Weisung von Moderator Frank Plasberg eine Bengalfackel an eine Kleiderstange, die ein Kind darstellen sollte, dabei allerdings eher an eine handelsübliche Vogelscheuche erinnerte. Kerner versprach jedenfalls erregt: »Drei Sekunden nur, dann steht das Kind in Flammen«, und als das Polyester dann –Surprise! – tatsächlich brannte, konnte er so gerade noch von der Beckerfaust abgehalten werden, und wir dankten daheim auf dem Sofa dem Fußballgott, dass wir das nicht live im Studio miterleben mussten.

Dabei war das Kerner’sche Schmierentheater nur eine von vielen Veranstaltungen, bei denen weitgehend kenntnisfrei und von Protagonisten, die in ihrem ganzen Leben noch nie einen Stehplatzblock betreten haben, über die angeblich so neue und so erschreckende Gewalt beim Fußball debattiert wurde. Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, wurden freudig durcheinander geworfen. Bengalos, Krawall, Leuchtraketen, Platzstürme mit Gewalt, Platzstürme ohne Gewalt – alles war in den Debatten plötzlich ein gigantisches Kapitalverbrechen. Oder um es mit dem populistischen Motto der Plasberg-Runde zu formulieren: »Wer schützt den Fußball vor seinen Fans?«

Dass diese Debatte nach den Ereignissen von Düsseldorf wieder einmal rasante Fahrt aufnehmen würde, damit war zu rechnen gewesen. Dass es sich bei den Beteiligten des Platzsturms um voreilig feiernde Fortuna-Fans gehandelte hatte und dass im anschließenden Bericht der Düsseldorfer kein einziger Verletzter verzeichnet war, hatte Boulevard und Tagespresse nicht davon abgehalten, alsbald die »Schande von Düsseldorf« auszurufen. Ein verbalradikaler Zungenschlag, der fortan die Tonart vorgab. Knüppel aus dem Sack, gefordert wurden härtere Strafen, strengere Kontrollen und vieles mehr. Das ohnehin schon niedrige Niveau der Debatte unterbot die »Sportbild« noch, in dem sie Leser zu Wort kommen ließ. Ein Joachim Grosse, offenkundig nicht die hellste Kerze auf der Torte, durfte vorschlagen: »Man weiß, wo die Hooligan-Blöcke sind. Davor Wasserwerfer aufbauen und beim ersten Bengalo die volle Ladung!«

Und natürlich wurde auch verlässlich der Klassiker solcher Diskussionen bemüht: die Abschaffung der Stehplätze als ultimatives Mittel der Stadionbefriedung. Reine Sitzplatzstadien werden ja schon länger von jenen gefordert, deren Verbalradikalismus seit Jahren niemand mehr ernstnehmen kann. Wer etwa verfolgt, welche bizarren ordnungspolitischen Zwangsvorstellungen Rainer Wendt, der Vorsitzende der Polizei-Gewerkschaft »DPolG«, in den letzten Jahren von sich gegeben hat, muss sich wundern, dass der deutsche Fußball nicht längst in Anarchie und Bürgerkrieg versunken ist.

Und dass Populisten wie Kerner zur besten Sendezeit Kinderpuppen abfackeln, konnte auch niemanden überraschen.

Erstaunlich ist jedoch, wie leichtfertig selbst Fußballfunktionäre die Abschaffung der Stehplätze zum Thema machen. Was hat DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zu der Äußerung verführt, es sei Tatsache, dass die »unliebsamen Dinge, die in den Stadien passieren, zu 95 Prozent, 98 Prozent von den Stehplätzen ausgehen«? Und warum erwähnte Niersbach nicht auch, dass für 95 Prozent, 98 Prozent der Stimmung, der so oft bemühten »faszinierenden Atmosphäre« die Stehränge verantwortlich sind? Und warum machte sich Reinhard Rauball, der ansonsten durchaus besonnene Ligapräsident, die Schnappatmung des Boulevards zu eigen und erklärte den Düsseldorfer Platzsturm zum »Novum in der jüngeren Geschichte des deutschen Fußballs«? Dabei gehören Platzstürme nach Aufstiegen und Meisterschaften zur althergebrachten Folklore der Fankultur. Dass in Düsseldorf offenbar die Uhren vorgingen, war ausgemachte Dämlichkeit, aber hat streng genommen mit der Diskussion um eine angebliche neue Intensität der Fußballgewalt in Deutschland überhaupt nichts zu tun.

Wenn allerdings selbst Fußballfunktionäre, die doch ein Interesse an einer lebendigen, kreativen Fußballkultur haben sollten, so bedenkenlos Positionen aufgeben, dann wird die Diskussion um die Stehplätze langsam gefährlich. Wohin man damit steuert, zeigt ein Blick auf die englische Fanszene, die inzwischen nur noch eine Karikatur früherer Tage ist. Nicht umsonst reisen heute viele Briten übers Wochenende nach Deutschland, weil sie in den hiesigen Stadien etwas erleben können, was den englischen Fans durch Schalensitze, Videoüberwachung und grimmige Stewards längst ausgetrieben worden ist.

In den neunziger Jahren kämpften Fans für den Erhalt der Stehplätze. Heute gilt es, sie wieder zu verteidigen. Gegen Populisten, Ordnungsfanatiker und jene, die nicht begreifen wollen, dass eine lebendige Fankultur nicht sitzt, sondern steht.

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