So konnte Deutschland Italien schlagen

Ist Löw verrückt geworden?

Löw stellt auf Dreierkette um – und spaltet damit die Nation. Dabei macht das alles Sinn, wie unsere Experten von spielverlagerung.de hier erklären.

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Ich bin entrüstet! Wie kann Joachim Löw nur eine eingespielte Mannschaft umstellen?!? Wir sind der Weltmeister! Die Gegner haben sich nach uns zu richten, nicht wir nach den Gegnern!

Gegen die fleischgewordene Dechiffriermaschine

Man braucht eigentlich keinen langen Text, um zu argumentieren, dass selbst große Nationen sich taktisch an Italien anpassen sollte. Es genügt ein Wort: Spanien. Dass sie ihre Taktik gegen Italien nicht umgestellt haben, hat den amtierenden Europameister eine mögliche Titelverteidigung gekostet.

Italiens Trainer Antonio Conte ist eine fleischgewordene Dechiffriermaschine. Er entschlüsselt die Schwächen gegnerischer Teams und setzt mit seiner Taktik genau dort an. Auch gegen Deutschland hatte er sich wieder die ein oder andere Schweinerei ausgedacht. Toni Kroos wurde über weite Strecken des Spiels in enge Deckung genommen. Ein Stürmer orientierte sich zu ihm, der zweite Stürmer sollte vorne anlaufen und das gegnerische Aufbauspiel lenken. Deutschland sollte so zu langen Bällen provoziert werden und im Anschluss Räume für Konter offenbaren.

Und was hat die ominöse Dreierkette dagegen gebracht?

Ganz einfach: Löw drehte den Spieß um und ließ Italien nie zum eigenen Spiel finden. Deutschland neutralisierte dank der Dreierkette über weite Strecken Italiens Doppelsturm. Italiens Offensivplan ist recht simpel: Die beiden Stürmer sollen mit Bällen gefüttert werden – lang, kurz, halbhoch, hoch. 

Dabei entstehen zahlreiche Synergieeffekte: Ein Stürmer lässt sich fallen und zieht damit einen Verteidiger aus der Kette. Dadurch öffnen sich wiederum Räume, in die der zweite Stürmer stoßen kann. Auch die Achter rücken aggressiv nach und laufen aggressiv die Schnittstellen an.

Die Dreierkette soll genau dieses Problem beheben: Wenn ein Verteidiger einen gegnerischen Stürmer verfolgt, bleiben immer noch zwei zur Absicherung. Italien fand keine Lücken vor, in die sie vorstoßen konnten – und konnte sich somit kaum Chancen erarbeiten, anders als gegen Spanien und Belgien. Gleichzeitig konnte Deutschland in der Tiefe immer das Spiel verlagern. Italiens Plan, Kroos und einen Innenverteidiger zu decken und den anderen so zu langen Bällen zu zwingen, ging nicht auf – es stand immer ein deutscher Innenverteidiger frei.

Aber Scholl hat doch mit seiner Kritik nach dem Spiel Recht: Deutschland hat sich mit der Umstellung seiner eigenen Offensivkraft beraubt! Mit dem alten System wäre das nicht passiert!

Ja und nein. Die Dreierkette war schon wichtig, schließlich erlaubte sie den deutschen Außenverteidigern weit vorzurücken. Jonas Hector und Joshua Kimmich sprinteten bis an die gegnerische Abwehrkette. Dadurch drängten sie die gegnerischen Außenverteidiger nach hinten. Deutschland drückte den Gegner praktisch permanent in ein 5-3-2 an den eigenen Sechzehner und öffnete dadurch Räume im Mittelfeld.

Allerdings nutzten sie diese Räume nicht konsequent. Sami Khedira gelang es zu Spielbeginn noch einige Male, durch Läufe in die Tiefe Unruhe in die Abwehr zu bringen. Nach seiner Auswechslung spielte Deutschland jedoch oft um die italienische Formation herum, selten aber ins Zentrum hinein. Bastian Schweinsteiger stand lange Zeit zu tief und Thomas Müller zu hoch. Mesut Özil bot sich ebenfalls in den falschen Räumen an.

Das hatte aber wenig mit der Dreierkette zu tun, die gegnerische Angriffe perfekt absicherte. Es war eher dem schwachen Spiel des Mittelfelds geschuldet. Als Bastian Schweinsteiger und Mesut Özil nach der Pause die Seiten tauschten, verbesserte sich prompt das Spiel. Deutschland hatte mehr Präsenz in den Halbräumen, kam öfters in die gegnerische Formation. Also: Nicht alles, was am deutschen Spiel schieflief, lag an der Dreierkette – wohl aber war sie verantwortlich dafür, dass Italien kaum kontern konnte.