»So kalt!« – Als der brasilianische Fußball nach Deutschland kam

Spiele gegen Schalke, Braunschweig, Werder Bremen

Hamburg ist die zweite Station von Atletico Mineiro auf deutschem Boden. In Norddeutschland liegt zwar kein Schnee, doch ist es nasskalt, typisches Hamburger Novemberwetter. Doch beim ersten Training in Hamburg zeigen die Ballvirtuosen mit sommerlicher Leichtigkeit ihr ganzes Repertoire: das Leder auf dem Kopf und den Oberschenkeln tänzeln lassen, schnelle Direktpässe, Schnelligkeit und eine großartige Schusstechnik. Zum Spieltag strömen dann 20.000 Neugierige an den Rothenbaum, um die Brasilianer zu sehen. Zwei Spieler von Atletico tragen gar Handschuhe und Ski-Kappen auf dem Kopf, eine Novität für das Hamburger Fußballpublikum. Mit diesen wärmenden Accessoires spielen die Brasilianer auf dem regendurchnässten Platz groß auf, als ob es Sommer wäre. »Brasiliens Zauberer spielten den HSV an die Wand« titelte das Hamburger Abendblatt nach dem ungefährdeten 4:0-Sieg der Gäste aus Belo Horizonte. Die Journalisten gerieten ins Schwärmen ob der „zauberhaften Ballkunst, der Schnelligkeit, verbunden mit einer ungewöhnlichen geistigen Beweglichkeit, dem fließenden Zuspiel aus dem Lauf, täuschend aus der Luft abgefälschte Weitergabe des Balles, die leichten, fast tänzelnden Schritte, unterbrochen von scharfen Sprints mit plötzlichen Stopps und einem trockenen Schlag aus dem Fußgelenk.“ Nur 24 Stunden später wartet das nächste Match. Wieder ein feuchter und tiefer Platz sowie kühles Wetter. Allerdings sehen die 26.000 Zuschauer im Bremer Weserstadion eine geschwächte Mannschaft aus Belo Horizonte. Drei Spiele in fünf Tagen waren selbst für die Zauberer aus Brasilien zu viel. Die Elf von Werder Bremen gewinnt überraschend mit 3:1.

Würdiger Abschied für Fritz Szepan und Ernst Kuzorra

Völlig ausgeruht und in bester Besetzung treten die Brasilianer eine Woche später beim FC Schalke 04 in Gelsenkirchen an. Über 30.000 Zuschauer sind in die Glückauf-Kampfbahn gekommen, um nicht allein die brasilianischen Ballkünstler zu bewundern, sondern auch um zwei Große des Schalker Fußballs in den Ruhestand zu schicken. Zum letzten Mal tragen die Vereins-Legenden Fritz Szepan und Ernst Kuzorra den Schalker Dress. Das Freundschaftsspiel gegen das Spitzenteam aus Belo Horizonte ist ein würdiger Rahmen, um das Schwägerpaar von der Fußballbühne zu verabschieden.  Die ersten zwanzig Minuten der Begegnung spielen die mittlerweile in die Jahre gekommenen Stars unter großem Szenenapplaus der Zuschauer, ehe der Schiedsrichter das Spiel für einige Ehrungen unterbricht. Die Brasilianer verbleiben auf dem Platz und zollen den Geehrten gebührend Beifall, die Arm in Arm gemeinsam das Spielfeld verlassen. Eine Kapelle intoniert »Das gibt’s nur einmal…« und die Schalker Urgesteine nehmen vor der Tribüne Stellung, um dann unter einem Blumenmeer fast begraben zu werden. Die Unterbrechung des Spiels dauert aufgrund zahlreicher Ansprachen zur Feier des Tages mehrere Minuten.

Die Südamerikaner hatten sich in der Novemberkälte gerade warm gespielt, als das Spiel unterbrochen wurde. Allerdings müssen sie nach über zehn Minuten Stillstand nicht mehr ihr ganzes Können abrufen. Ihnen reicht es, mit technischem Vermögen einen kontinuierlichen Druck auf das Schalker Tor auszuüben. Am Ende siegen sie verdient mit 3:1 in Gelsenkirchen. Danach setzen die Brasilianer ihre Europa-Tournee in anderen Ländern fort. Jedoch kehren sie für ein letztes Gastspiel Ende November 1950 nach Spielen in Wien, dem damals noch französischen Saarbrücken und Brüssel nach Deutschland zurück. Der Gegner ist diesmal Eintracht Braunschweig. Im Stadion der Eintracht brennen die Ballzauberer erneut ein technisches Feuerwerk ab. Die Braunschweiger halten allerdings mit Kampfkraft dagegen. Nach einer 3:1-Führung erkämpfen sich die Blau-Gelben aus Niedersachsen unter tosendem Jubel der 30.000 Besucher ein 3:3-Unentschieden.

»Wir sind Eismeister!«

Am Ende der Europa-Tournee können die Brasilianer eine hervorragende Bilanz feiern: Sechs Siege, zwei Unentschieden und nur zwei Niederlagen. Die Presse in Belo Horizonte zeigt sich begeistert von diesen Ergebnissen. Ihnen imponiert vor allem, dass sich das Team trotz Kälte, Schnee und regendurchtränkter Plätze mit hervorragenden Leistungen präsentiert hat. Sie verleiht dem Team daraufhin den inoffiziellen Titel des Campeão do Gelo – Eismeister. Doch damit nicht genug. Die europäische »Eismeisterschaft« von 1950 wird in Belo Horizonte zur Legende. Bis heute heißt es in der offiziellen Club-Hymne »Nós somos campeões do gelo« – »Wir sind Eismeister!«