Skurrile WM-Tätowierungen

Real love never die

Fans ließen sich Louis van Gaal auf den Rücken tätowieren, Spieler ließen sich ihre eigenen Lattentreffer stechen. Skurrile Tätowierungen hatten bei dieser WM Hochkonjunktur. Ein Überblick.

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In einer lange vergangenen Zeit, in der die Fußballschuhe noch schwarz und die Bundesligisten Wattenscheid 09 und Bayer Uerdingen hießen, das TV-Bild grobkörnig war und die Manndecker noch grobkörniger, da waren tätowierte Fußballer noch Exoten auf den Sportplätzen dieser Welt. Aber wie so vieles – die Schuhe sind jetzt bunt und glänzen, das Fernsehbild kommt in besserer Qualität als die Realität und Manndecker gibt es nicht mal mehr in der Kreisliga – hat sich auch das Verhältnis von Fußball und Tätowierung rasend schnell verändert. Profis, Fans, Spielerfrauen – die wahren Exoten, das sind heute die, deren Körper komplett untätowiert ist. So es sie noch gibt.

Die ungemeine Fülle an Tattoos bringt dabei eine unüberschaubare Anzahl an Stilblüten und Fehlgriffen mit sich. Zumal es oft den Anschein macht, dass der Tätowiersucht selber eine Art Konkurrenzgedanke inhärent ist. Höher, schneller, weiter. Größer, bunter, ausgefallener. Und: skurriler. Gerade eine WM scheint eine willkommene Bühne, sich den Körper mit etwas Bleibendem zu verzieren. Selbst wenn dieses Bleibende das Gesicht Louis van Gaals ist, der, ohne ihm zu nahe treten zu wollen, sicherlich nicht der schönste Mensch unter der Sonne ist. In diesem Sinne ist es dann aber fast schon wieder konsequent, denn André Pronk, der »Entertainer« aus den Niederlanden, der sich die Visage des Bondscoachs auf den Rücken tätowieren ließ, ist selbst alles andere als ein holländischer Brad Pitt.


Auch Chiles Mauricio Pinilla ist nach dem tragischen WM-Aus seiner Chilenen gegen Brasilien flugs zum Tätowierer seines Vertrauens gelaufen. Dort ließ er sich seinen Lattenschuss in der 120. Minute szenisch auf dem Rücken verewigen, garniert mit dem Spruch »One centimetre from glory«, und die Art und Weise, wie er dies per Social Media unters Volk trompetete, lässt fast vermuten, Pinilla habe den Ball extra an die Latte gesetzt, für eine Handvoll Facebook-Likes. Die Schriftzüge »Blessed« und »For Life«, die sich der Stürmer in der gleichen Sitzung noch an die Schläfen stechen ließ, wirken hingegen leicht undurchdacht. Wäre Pinilla wirklich »blessed«, wäre der Ball nicht mit Hilfe von oben per Unterlatte ins Tor gesprungen?


Auch eine andere Szene des Turniers hat bereits tintene Verewigung gefunden. Ein englischer Fußballfan ließ sich eine Bissspur auf die Schulter stechen, gemeinsam mit dem Hinweis: »Suarez was ere«. Viel Aufwand für einen lahmen Witz und der vorläufige Höhepunkt der Ulkerei über Suarez fraglos bestehendes Beiß-Problem, das sich schon in Computerspielen und Flaschenöffnern niederschlug.

Das fehlende »h« lässt man dem Fan noch als verschriftlichte Umgangssprache durchgehen, bei Fragen nach den richtig schmerzhaften grammatikalischen Patzern kann man sich getrost an Claudia Effenberg wenden, die sich einst – der unbestrittene Klassiker der Tattoo-Fails – »Real love never die« aufs Schulterblatt stechen ließ. Und nun wahrscheinlich immer ein »S« bei sich trägt, denn: he, she, it – s muss mit, klar.