Schollis gemütlicher Ruhestand

Endlich normal sein

Nach fast zwei Jahrzehnten Profi-Fußball hat der ehemalige Ligaliebling Mehmet Scholl endlich seine Ruhe - als Sportkegler in der Bezirksliga-Mannschaft des FC Bayern München. Ein Rentnerdasein mit Arbeiterklasse-Romantik. Imago Um sein Leben als Fußballprofi so weit wie möglich hinter sich zu lassen, musste Mehmet Scholl nur ein paar Meter laufen. Von der Säbener Straße 51 zur Säbener Straße 49.

Die erste Adresse ist die der weltbekannten Fußballabteilung des FC Bayern, die zweite Anschrift führt zu einer gewöhnlichen städtischen Kegelbahn. Im Keller dieses Gebäudes steht jetzt Mehmet Scholl mit einer gelben Kugel in der Hand und blickt konzentriert auf neun Kegel am Ende einer blauen Holzbahn.

[ad]

Hinter ihm trägt der Wirt gut gelaunt Wurstsalat herein und dann noch Currywurst mit Pommes. Ein Tisch mit alten Männern in Trainingsanzügen ruft "sieben, acht, neun - Holz, Holz, Holz", weil Scholl alle Neune getroffen hat. Zu trinken gibt es Bier, man redet bayrisch. Was für ein wunderbarer Ort.

Als Schüler beinahe Deutscher Meister


Hier also beginnt der Ex-Fußballprofi Mehmet Scholl seine zweite Karriere. Es ist nicht lange her, dass die Zuschauer in der ausverkauften Arena Mehmet Scholl zum Abschied minutenlangen stehenden Applaus geschenkt haben. Heute sehen ihm keine 30 Mann zu, inklusive seines Sohns und der Gegner vom kroatischen Kegelklub K.K. Jadran.

Als Scholl in seinen großen Interviews zum Karriereende erklärt hat, künftig kegeln zu wollen, hat das mancher für einen Scherz gehalten. Dabei ist das Hobby nicht neu, als Schüler wäre er beinahe Deutscher Meister geworden.

Viel verlernt hat er nicht. Er nimmt sich zügig die nächste Kugel, und schon wieder fallen alle Kegel um, "sechzehn, siebzehn, achtzehn - Holz, Holz, Holz", ruft der Stammtisch nun noch fröhlicher. Scholl ballt die Faust. Beim nächsten Wurf bleibt ein Kegel nach etwas Wackeln stehen, das gibt immerhin noch acht Punkte, "Hossa!", ruft die Runde am Tisch anerkennend.

Schutz für den prominenten Zugang

Die Arbeiterklasse-Romantik der Giesinger Kegelbrüder stört überraschend ihr erster Sportwart, Josef Windele: "Interviews gibt Mehmet Scholl aus Prinzip nicht, das habe ich vergessen zu sagen." Und Fotografieren während des Wettkampfs sei unmöglich, "da müssten wir auch erst den Schiedsrichter fragen". Im Übrigen solle ein Gespräch mit ihm über Mehmet Scholl und Bayerns Amateurkegler vorher vom Pressechef des Vereins, Herrn Hörwick, abgesegnet werden.

Herr Windele blickt unbeirrt, es handelt sich also nicht um einen Witz. Sie wollen ihren prominenten Zugang eben ein bisschen beschützen. Es findet sich dann doch noch das eine oder andere Vereinsmitglied, dass Anekdoten erzählen mag. Etwa wie der Scholl noch als Profi hier trotz Kegelverbots öfter mal gespielt hat.

Scholl ist Rentner, da hat man Zeit

Der Mehmet, wie ihn hier alle nennen, trägt ein Bayern-Trikot, seine Beine sind glatt rasiert, Waden- und Rückenmuskulatur wirken durchtrainiert. Mit schnellen Schritten und einer kräftigen Armbewegung schmettert er die Kugel die Bahn entlang. Neben ihm spielt ein älterer Mann, sein Anlauf ist so gar nicht dynamisch, das blaue Trikot hängt schlaff am Körper. Der athletische Scholl lässt die restlichen Männer in der Halle fast unsportlich wirken. Dabei ist Kegeln ein ernst zu nehmender, anstrengender Sport. Sagen Kegler. Und Mehmet Scholl sagt das auch.

Es ist Montagabend, im Keller der Säbener Straße 49, auf Bahn 4, wischt sich Scholl den Schweiß von seiner Stirn. Er spielt als erster an diesem Abend. Die Berufstätigen schaffen es oft nicht pünktlich zum Spielbeginn um 18.30 Uhr, aber Scholl ist ja jetzt Rentner, da hat man Zeit. Er muss auf vier verschiedenen Bahnen je 50 Würfe in 20 Minuten absolvieren. So viel hat er sich beim Fußball seit Jahren nicht mehr bewegt.

Salat, Kegler-Latein und Kreidezahlen


Im Nebenzimmer sitzt Gerd Müller und spielt mit einer Seniorenrunde Karten. Noch so ein Fußballidol, noch so ein großer Schweiger. Man kann sich vorstellen, wie die beiden das hier genießen: keine Medien, keine Fans, einfach nur normal sein. Als Fußballer war Scholl für drei Dinge bekannt: Verletzungsanfälligkeit, Kreativität und eine tiefe Abneigung gegen den Rummel an der Säbener Straße, Hausnummer 51.

Beim Kegeln gibt es keine Verteidiger, die einem in die Beine grätschen. Es warten nicht 69.000 Zuschauer auf den einen genialen Pass, und bis auf ein paar Autogrammwünsche vom Gästeteam hat Scholl Ruhe. Sein Abend endet mit einem Teller Salat, Kegler-Latein und drei Kreidezahlen auf einer Tafel: 946 Zähler - eines der besten Wurfergebnisse dieses Wettkampfs.