Schnürsenkel gegen Homophobie

Im Namen des Regenbogens

EU-Parlamentarier verschickten symbolisch regenbogenfarbene Schnürsenkel an alle europäischen WM-Teilnehmer. Die Sensation: Ein Team will sie sogar tragen, darf aber wohl nicht. 

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Eigentlich war es eine reine PR-Aktion. Eine Gruppe Abgeordneter aus dem Brüsseler EU-Parlament hatte zehn kleine Päckchen gepackt. Adressiert waren die Postsendungen an die WM-Quartiere der Turnier-Teilnehmer aus der Europäischen Union. Der Inhalt – je ein Mannschafts-Satz regenbogenfarbener Schnürsenkel – erinnerte auf den ersten Blick an lustige Wundertüten für Kinder. Und doch war er hochbrisant, wegen seiner symbolischen Bedeutung: »Wir wollen damit an die Situation von homosexuellen Menschen in Russland erinnern«, erklärt die sozialdemokratische Europa-Parlamentarierin Anna Hedh aus Schweden. »Sie werden verfolgt und diskriminiert, nur weil sie den falschen Menschen lieben. Das ist inakzeptabel.«

Natürlich rechnete keiner der EU-Abgeordneten ernsthaft damit, dass der Inhalt der Päckchen bis zu Thomas Müller, Sergio Ramos, Cristiano Ronaldo oder Paul Pogba gelangen würde. Dazu müssten die bunten Schuhbändchen zunächst etliche Sicherheitsschleusen passieren und anschließend den kritischen Blicken der Delegationsleiter und der Marketing-Verantwortlichen standhalten. Ein nahezu aussichtsloses Unterfangen in Zeiten wie diesen. Noch weniger wagten die Politiker zu hoffen, dass einer der Herren Kicker oder gar eine komplette Mannschaft die knallbunten Schnürsenkel in ihre Stollenschuhe fädeln würde. Doch dann erklärte sich ausgerechnet einer von Deutschlands Vorrunden-Gegnern öffentlich dazu bereit.

»Ich habe nichts dagegen, in den Farben des Regenbogens aufzulaufen«

Schwedens Mannschaftskapitän Andreas Granqvist, der bei FK Krasnodar in Russland sein Geld verdient, sagte gegenüber der schwedischen Zeitung »Aftonbladet«: »Ich habe nichts dagegen, mit Schnürsenkeln in den Farben des Regenbogens aufzulaufen. Letztlich ist es Sache des Verbandes zu entscheiden, was wir tragen. Wir Spieler haben ja zudem unsere Verträge mit unterschiedlichen Schuhausrüstern, man müsste erst mal schauen, was die dazu sagen. Aber ich persönlich hätte kein Problem damit. Wir sollten das unterstützen, wofür wir stehen. Und ich denke, das tun wir ganz gut – sowohl jeder für sich als auch wir als Mannschaft.«


Auch Schwedens Nationalcoach Janne Andersson steht der Idee mit den Schuhbändern aufgeschlossen gegenüber, schränkt jedoch ein: »Ich halte es da wie Andreas, es gibt Regeln für solche Dinge. Ich höre zum ersten Mal davon. Wir werden es in Betracht ziehen, wenn sie (die Schnürsenkel; die Redaktion) bei uns ankommen. Im Grunde – das habe ich schon früher gesagt – sollten wir uns zuerst und zuvorderst dem Fußball widmen, nicht der Politik.« Dennoch könne man auf die eine oder andere Weise Dinge unterstützen, an die man glaube.«

»Fußball für alle«

In Schweden und im übrigen Skandinavien hat der Sport längst eine Vorreiterrolle im Kampf gegen Homophobie übernommen. So war es kein Zufall, dass der damalige DFB-Kapitän Julian Draxler ausgerechnet beim Länderspiel in Dänemark im Juni 2017 (1:1) eine Regenbogen-Spielführerbinde trug – ein Novum in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes. Das Testmatch war eingebettet in die Kampagne »Fußball für alle« des dänischen Verbandes. Im Jahr zuvor wollte Schwedens Handball-Kapitän Tobias Karlsson bei der Europameisterschaft in Polen mit einer ähnlichen Kapitänsbinde auflaufen. Doch das strenge Regelwerk der Europäischen Handball Föderation stoppte den Legionär der SG Flensburg.