Schalkes erstes Fußballinternat

22 Jahre bis zur nächsten Meisterschaft

Die Ablenkung durch Fußballgroupies trübte die sportliche Bilanz jener Zeit aber nur unwesentlich. In fünf von sechs Jahren wurde Schalkes A-Jugend unangefochten Westfalenmeister, viermal kam sie bei der Deutschen Meisterschaft unter die ersten Vier, und 1976 gewann die Mannschaft den Titel. Doch so visionär diese Urform der heutigen Nachwuchsleistungszentren war, diente sie vor allem einem Selbstzweck. »Siebert konnte die Ausbildung im Verein nur durch Titelgewinne rechtfertigen, und da lief für mich etwas schief«, sagt Maslo.

Seiner Meinung nach hatte der Klub nicht ausreichend Geduld mit den Youngstern und verkaufte sie zu früh an andere Klubs. Ein Beispiel dafür war Hans-Günter Bruns, der später bei Borussia Mönchengladbach eine große Karriere machte. Außerdem hatten die jungen Spieler mit einer besonderen Hypothek zu kämpfen: dem Enthusiasmus ihres Vereinspräsidenten. »Wenn es um Fußball ging, schwebte Siebert«, meint Maslo. In diesem Überschwang erklärte er sich zum »Diamantenauge« und prophezeite staunenden 17-Jährigen große Karrieren nicht nur bei Schalke, sondern gleich in der Nationalmannschaft. Der Realitätsschock war dann umso größer, wenn sie sich schon an der Hürde schwertaten, überhaupt in den Schalker Profikader zu kommen.

Geld nur für Titel

Zwar kamen einige Stars jener Zeit aus dem Schalker Nachwuchsteam, wie etwa Rüdiger Abramczik und später Wolfram Wuttke, aber die wohnten als Jugendliche noch bei den Eltern. Aus dem Schalker Internat schafften es nicht viele Spieler nach ganz oben. Matthias Schipper spielte immerhin über 200 Mal für Schalke, Uwe Höfer kam auf 40 Bundesligaspiele für Schalke, Offenbach und Saarbrücken, und Peter Sandhofe stand 30 Mal bei Schalke im Tor. Doch typischer für die Nach-Internatskarrieren war die von Friedhelm Schütte, der nach vier Bundesligaspielen in der zweiten Liga bei Preußen Münster, Tennis Borussia oder in Bayreuth spielte.

Nach sechs Jahren beendete der neue Vereinspräsident Karl-Heinz Hütsch das Experiment 1978 schließlich, um einen Großteil der 300 000 Euro zu sparen, die der Klub jährlich in die Nachwuchsarbeit investiert hatte. Er wollte das Geld lieber für Profis ausgeben. Bei Anne Wernscheid war die Begeisterung über ihre Rolle als Herbergsmutter damals auch schon abgeflaut. Hatte sie anfangs noch viel Kontakt zu den Eltern der Spieler gehabt, wurden später immer häufiger die Söhne bei ihr in Gelsenkirchen-Rotthausen einfach abgeliefert. »Mit den letzten Jungs hat das nicht mehr so viel Spaß gemacht, die haben sich nicht mehr so viel sagen lassen. Vielleicht wurden sie auch nicht mehr so gut ausgesucht.«

Draxler, Neuer und Co.

Es dauerte 22 Jahre, bis die verlorene Traditionslinie aufgegriffen wurde und Schalke im Jahr 2000 wieder ein Internat eröffnete. Die nächste A-Jugend-Meisterschaft konnte 2006 gefeiert werden, genau drei Jahrzehnte nach jener der Internatsgeneration. Doch Titelgewinne in der Jugend sind heute auch bei Schalke nur noch ein Nebenzweck. Es geht darum, Spieler wie Julian Draxler, Benedikt Höwedes oder Manuel Neuer zu finden und auszubilden, denen der überschwängliche Günter Siebert aber wahrscheinlich schon sehr früh eine Weltkarriere vorausgesagt hätte.