Schafft Ungarn die EM-Qualifikation, Bernd Storck?

»Die Leute sind oft skeptisch«

Ungarn hat seit 1986 nicht mehr an einem großen Turnier teilgenommen. Schafft der deutsche Trainer Bernd Storck die Sensation – oder zerbricht das Team wieder am großen Erbe?

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Bernd Storck, Sie mussten am letzten Spieltag der EM-Qualifikation tatenlos zuschauen, wie die Türkei als bester Gruppendritter noch an Ungarn vorbeizog und das Direkt-Ticket löste. Wie bitter war das?
Im Fußball ist alles möglich. Ich bin da realistisch und war darauf vorbereitet. Daher hat mich das nicht ganz so hart getroffen. Aber für meine Spieler war es keine einfache Situation. Einige hatten sich getroffen, um die Spiele gemeinsam anzuschauen. Die Enttäuschung war groß. Ich habe gleich die entscheidenden Spieler angerufen. Ihr müsst es positiv sehen, dass wir überhaupt so weit gekommen sind, habe ich ihnen versucht zu erklären.
 
Ausschlaggebend war auch der Sieg Kasachstans gegen Lettland. Ausgerechnet Kasachstan...
(Lacht.) Sie meinen, weil ich dort Trainer war. Ich war mir sicher, dass die Kasachen alles tun werden, um zu gewinnen. Die wollten wenigstens einen Sieg in der EM-Quali holen. Und es ist ja auch keine schlechte Truppe. Viel unglücklicher fand ich den Ausgang des Spiels der Türken. Die sind einen Mann weniger und bekommen in der 89. Minute noch einen Freistoß – und der geht rein.
 
Wie ist jetzt, drei Wochen nach diesem Drama, die Stimmung in Ungarn?
Die Leute fiebern den Spielen gegen Norwegen entgegen. Das hat ja schon was Historisches. Ungarn war seit der WM 1986 bei keinem großen Turnier mehr dabei. Sogar der Ligabetrieb wurde am vergangenen Wochenende ausgesetzt, damit wir uns optimal auf die Spiele gegen Norwegen vorbereiten konnten. Ich bin dem Verband sehr dankbar dafür, dass man meinem Wunsch nachgekommen ist. Ich habe 21 Spieler um mich versammelt, darunter auch einige neue, von denen ich sehen will, wie sie sich bewegen. Wissen Sie, das ist hier schwierig mit den Nachwuchsleuten – wegen der Mentalität.
 
Inwiefern?
Die jungen haben vor den erfahrenen Spieler sehr viel Respekt – zu viel Respekt. Sie sind sehr schüchtern, zurückhaltend, ängstlich. Aber das hat auch seine Gründe. Der ungarische Fußball ist sehr hierarchisch geprägt. Oftmals ist die Erfahrung eines Spielers entscheidender als das, was er kann. Das macht es Talenten, die es in Ungarn zweifellos gibt, sehr schwer. Sie müssen in ihren Klubs mehr Chancen bekommen. Und als Nationaltrainer will ich da mit gutem Beispiel vorangehen. Inzwischen hat der Verband ein Bonus-System im Profibereich eingeführt. Steht ein Spieler Jahrgang 1995 oder jünger in der Anfangsformation und sitzt zusätzlich einer auf der Ersatzbank, bekommt der Verein Geld dafür.

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Wie haben die Klubs reagiert?
Anfangs waren sie ein bisschen skeptisch, aber das hat sich gelegt. Es wird ja keiner dazu gezwungen, junge Spieler einzusetzen.
 
Auch wenn es lange her ist, Ungarn hatte einmal eine Fußballtradition.
Was es meinen Jungs nicht leichter macht. Wie heißt es so schön: Tradition verpflichtet. Die Jungs werden immer noch an Puskas, Bozsik und Kocsis gemessen, obwohl die goldene Zeit lange zurückliegt. An allen Ecken steht hier eine Puskas-Statue – auch in dem Hotel, in dem wir uns zur Vorbereitung auf die Play-Offs versammelt haben. Was in Ungarn auch ein Problem ist: Wenn du auf dem Platz einen groben Fehler machst, fliegst du sofort raus, und du bekommst keine zweite Chancen mehr. Ich will das anders machen. Hummels hat doch auch Fehler gemacht und durfte wieder spielen. Nehmen wir das Beispiel Richard Guzmics. Der hatte 2013 bei einem Spiel gegen Rumänien einen Aussetzer, ausgerechnet gegen den großen Erzrivalen. Eineinhalb Jahre später habe ich Richard wieder reingeworfen – beim EM-Quali-Spiel gegen Rumänien. Bei seiner Einwechslung ging ein Raunen durchs Stadion. Doch nach den ersten geglückten Aktionen von Richard war das Publikum ruhig. Auch bei den Zuschauern muss ein Umdenken stattfinden. Die Leute sind oft noch zu skeptisch.
 
Ursprünglich waren Sie als Sportdirektor nach Ungarn gekommen, im März 2015. Was haben Sie bei Ihrem Amtsantritt vorgefunden?
Die Infrastruktur war schon gut. Aber es gab im Nachwuchsbereich fast nur Teilzeit-Trainer und keine festangestellten Physios. Als ich hier ankam, gab es nur drei hauptamtliche Trainer. Es ging vor allem darum, die Nachwuchsarbeit zu professionalisieren. Wir sind immer noch dabei, hauptamtliche Trainer einzustellen.