Schachtar Donezk - Werder Bremen 2:1

Einmal Istanbul und zurück

Unser Mann beim Uefa-Cup-Endspiel 2009 Alex Raack berichtet über den Frust nach der Niederlage, den Köfte davor und einen Mann, der nur noch auf einer Arschbacke sitzen kann und fast so lustig ist wie Fips Asmussen. Schachtar Donezk - Werder Bremen 2:1Imago Montag, 18. Mai 2009

Möglicherweise ein etwas unüblicher Beginn für eine Reise zum Uefa-Cup-Finale in Istanbul. Morgens um 10 stehe ich im zehnten Stock des Fachbereiches 09 der Universität Marburg und referiere über die Verfassung Spartas. Hauptseminar »Das klassische Griechenland«, Gelegenheitsstudent Raack dachte eineinhalb Jahre er wäre scheinfrei und machte schon groß ein Fass auf mit seiner Magisterarbeit (»Widerstand aus der Kurve – Zur Sozialgeschichte der Fußball-Fankultur in der DDR-Oberliga«) – Pustekuchen. Intensive Nachfragen nach einer 20-minütigen Geschichts-Performance, die »unter fernen liefen« in der Geschichte des Fachbereichs abgestempelt werden muss. Ich bin ratlos, erst langes und heftiges Räuspern gibt mir die Gelegenheit ein paar Standardphrasen aus den Hirnhälften zu stopfen. So muss sich Udo Lattek fühlen. Womit wir wieder beim Fußball wären.

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Um zwölf fährt der Zug nach Frankfurt ab, Kollege Benni grätscht noch geradeso ins Abteil. Die erste Hürde ist genommen, wir müssen uns mit einem Bier belohnen. Im Terminal 1, Halle C, wartet das Duo aus Celle: die Kobra und Fips, der irgendwann von mir seinen Spitznamen – angelehnt an den gleichnamigen Komiker Asmussen – bekommen hat. Wann, wo und warum? Ich weiß es nicht mehr. Check-in gelingt mit bewundernswerter Eleganz, im Flieger dann das altbewährte Muster: Fensterplatz neben den Tragflächen, die Sicht versperrt, wir widmen uns spannenderen Themen in der Bild-Zeitung: Reiner Callmund hat den Halb-Marathon geschafft, nicht ohne Hindernisse: »Im strömenden Regen jubelten zahlreiche Zuschauer Calli zu und versuchten ihn vergeblich mit Sahnetorte, gegrillten Würstchen oder Schoko-Riegeln zu verführen.« Fips sitzt im Mittelgang, nach mehrfachen OPs am Steißbein kann er nur noch auf einer Arsch-Backe sitzen und tut das mit königlicher Würde. Mehrfach rempelt ihn dennoch der notorisch durch den Mittelgang hetzende Steward an, eine erste Schubserei kann gerade noch durch das Mittagessen verhindert werden. Klarer Fall von türkischer Härte?

 
Gelandet, auch wenn man zwischendurch befürchten musste im Bosporus notzulanden. Ganz schön windig in Istanbul/Sabiha Gökcen. In der ersten Flughafen-Halle sitzt ein Trio vom türkischen Gesundheitsministerium, im Flieger hatten alle Passagiere einen schlecht  kopierten Zettel ausfüllen müssen. »Haben sie die Schweine-Grippe?« ist fast so investigativ, wie »Sind sie ein Taliban-Terrorist?«. Die Kobra fängt einen Meter vor der kritisch dreinschauenden Mediziner-Auswahl an zu Niesen und wird minutenlang befragt und vor einer Infra-Rot-Kamera beleuchtet.

In der Ausgangshalle überfällt uns ein freundlicher junger Türke mit Angeboten zum Taxi-Transport in unser Hostel. Irritiert tauschen wir erst unsere harte Währung gegen türkische Lira ein. Unser neuer Freund und die Strategen in der Wechselstube lachen sich an, wir befürchten eine erste Verschwörung. Typisch deutsch. Benni wird vom türkischen Taxi-Kumpel fast in die Arme geschlossen. »You´re a rapper? I love HipHop!« Zur Bestätigung spielt er uns einige Youtube-Videos vor, Benni ist begeistert, riskiert aber fast einen Battle, als er mit Killa-Hakan und Kool Savas aufwartet. Das wird uns in den kommenden Tagen noch häufiger passieren. Ein großer, leicht übergewichtiger Deutscher mit Vollbart, Marken-Kappe und Shirts aus dem Elefantengehege bringt die türkischen Jungs offenbar in helle Aufregung.

Wir sitzen im Taxi, der gute Mann am Steuer lächelt bescheiden – und rast dann los, als gäbe es keinen Morgen mehr. Hastig versuche ich mein Testament aufzuschreiben, doch es gelingt nicht. Zu sehr zittern die Hände vor Todesangst. In Rekordzeit jagt unser Fahrer über die asiatische Seite Istanbuls, zeigt uns bei Tempo 180 stolz das Besiktas-Stadion und liefert sich heißblütige Zweikämpfe mit einem 18-Jährigen im knallgelben Seat auf der rechten Spur. Das Hostel »Big Apple« erreichen wir letztlich ohne bleibende körperliche Schäden. Benni versucht die Stimmung mit einem mauen Witz aufzulockern: »Das Hostel in Barcelona hieß doch ›New York City‹ und hier jetzt ›Big Apple‹!« Hahaha. Verstört finden wir unser Zimmer und lassen langsam das klopfende Herz auspendeln. Willkommen in Istanbul!

Eine Stunde später betten wir unser Gesäß auf den Bänken vor der Blauen Moschee, eines der Wahrzeichen Istanbuls. Schnell fließt neben dem allgegenwärtigen Chai-Tee auch Efes, das türkische National-Bier. Zwei Jungs in knallengen glitzernden Muskelshirts klopfen uns auf die Schulter: »Können wir uns zu Euch setzen? Ich habe mal wieder Bock deutsch zu sprechen.« Zusammen mit zwei weiteren Endzwanzigern setzen sich die Beiden zu uns, sie kommen aus Köln und haben erstmals ihre Cousins in Istanbul besucht, die nicht einen Brocken deutsch verstehen, geschweige denn sprechen. Wir stoßen an und erfahren kluge Tipps beim Kauf gefälschter Fußball-Trikots. Später lernen wir Ali kennen. Der Deutsch-Türke aus Gronau ist mit seinen vier Schwestern zu Besuch gekommen und noch auf der Suche nach einer Endspielkarte. Sein Glück: wir haben tatsächlich eine Karte zu viel, von einer Überdosis Sympathie angefixt, gibt unser Reiseleiter Kobra das 58-Euro-Ticket für 60 Steine ab. Angeblicher Schwarzmarkt-Preis zu diesem Zeitpunkt: 250 Euro. Mit Ali erwischt es aber den Richtigen, zusammen mit seiner Schwesternschaar lassen wir den Abend an der Galata-Brücke ausklingeln, rauchen Sishas mit Blick auf den Bosporus. Der erste Tag endet mit der Begrüßung unseres fünften Mitreisenden Petzi um vier Uhr in der Früh. Er hatte den Flug aus Basel genommen. Taktisch unklug.

Dienstag, 19. Mai 2009

Frühstück auf der Dachterrasse mit Blick über die Stadt! Wir fühlen uns wie Könige – im Hostel. Der Kater weicht schnell der Vorfreude auf den Tag, auch wenn der Mensch gewordene Städte-Guide Fips uns bedrohlich viele Reiseziele für den Tag auflistet. Schnell hat er seinen Spitznamen weg: Hostel-Hank ist geboren. Hank drängt zum Aufbruch, um elf Uhr sind wir wieder on the road. Erster Anlaufpunkt: Hagia Sophia, das berühmteste Denkmal der Stadt. Wer das riesige Gotteshaus sehen will, muss 20 Lira (umgerechnet: 10 Euro) zahlen. Ich kann nur an Stadien und Fußball denken und bin deswegen Fehl am Platze. Hinterher nerve ich die Gruppe mit der Vorstellung zu Tode, dass ich die Kohle lieber in Maiskolben investiert hätte, die in kleinen Wägelchen grillend quasi an jeder Ecke des touristischen Istanbuls strategisch clever postiert sind. Es folgt der Besuch der Cisterne Basilica, eine spätantike Zisterne, die einst als Drehort für den James-Bond-Klassiker »Liebesgrüße aus Moskau« herhalten musste. Interessant, aber wo sind die Händler mit den billigen Trikots? Weiter geht’s in der Blauen Moschee und der Galata-Turm, jetzt haben wir alles gesehen. Der Basar-Besuch wird weniger erfolgreich als gedacht, einzig und allein ein altes Frankreich-Trikot mit Henry fällt mir ins Auge, doch der Händler geht auf meinen fairen Vorschlag (»5 Lira statt 40«) nicht ein und unsere Wege trennen sich. Dafür speisen wir fürstlich Köfte in einem der dafür bekanntesten Läden der Stadt. Lecker und vor allem: die befürchtete Darm-Revolution bleibt aus.

Die Stadt trägt derweil grün-weiß. Nicht auf der Brust, aber scheinbar im Herzen. »Werder Bremen!«, trompetet jeder zweite Türke. »Mesut!«, johlen wir zurück und steigen in diverse taktische Grundformationen über die korrekte Aufstellung ein. Endlich ist auch der fehlende Ball gekauft, zwölf Lira für eine rot-gelbe Pille, deren Bedeutung wir schon nach wenigen Metern erfahren. Fahrlässig haben wir uns einen Ball in den Farben Galatasarays andrehen lassen – nicht jeder Türke ist mit diesem Kauf einverstanden und wirft uns grimmige Blicke an den Kopf. Mit den falschen Farben ist in Istanbul nicht gut Kirschen essen.

Abends zurück im Stadtteil Sultanahmed, wo unser schmuckes Hostel seinen Platz hat. Petzi war so umsichtig, und hat sich ein knallorange Sporthose gekauft, ebenfalls mit dem Logo Galas versehen. Nicht, dass wir hier völlig in eine Schublade gedrängt werden. Vor der Blauen Moschee kann ich einen weiteren Haken auf meiner Liste: »Fußball vor historischen Gebäuden oder Plätzen« abhaken. Im Vergleich mit den bisherigen Höhepunkten Berlin (Brandenburger Tor), Barcelona (La Rambla) und Mailand (Dom) schneidet Istanbul hervorragend ab. Auch, weil die Rasenqualität vorzüglich ist. Wir liefern also unser ganzes Repertoire an technischen Kabinettstückchen (die sich sehr schnell wiederholen) ab, als plötzlich eine sechsköpfige Gruppe kleiner Jungs im Alter zwischen vier und sieben Jahren neben unserem persönlichen Stadion steht und uns mit großen Augen beobachtet. Schnell werden wir dicke Kumpels und müssen mit ansehen, wie sich ein Haufen kleiner ballverrückter Rotznasen auf unseren Ball stürzt. Ein sensationelles Gruppenfoto bleibt uns schließlich als schöne Erinnerung erhalten.

Später treffen wir Ali wieder, der wider Erwarten seine Karte noch nicht gegen große Scheine eingetauscht hat. Guter Mann. Auf der Fahrt zum Istanbuler Szenestadtteil um den Taksim-Platz staunen wir über die Trinkfestigkeit unseres Fahrers, der die angebotene 0,5-Liter-Molle in zehn Minuten vernichtet, dabei erstaunlicherweise aber mit gut 30 Km/h durch die Stadt juckelt und uns schließlich mit einem nicht erwarteten Preis böse verärgert. Wir legen ihm die von uns als fair betrachtete Summe auf den Beifahrersitz und machen den Sittich. Der Rest der Nacht geht in seltsamen Wodka-Lemon-Mischungen unter, erst am nächsten Morgen merke ich, dass ich mir eine wunderschöne silberne Taschenuhr mit Pferde-Relief zugelegt habe. Das perfekte Mitbringsel für meine Freundin! Ich klopfe mir im Halbschlaf auf die Schulter.

Mittwoch, 20. Mai 2009

Finaltag! Das Brummen im Schädel weicht dann doch alsbald einer gewissen Nervosität, beginnend in der Magengegend. So aufregt muss ich das letzte Mal gewesen sein, als Werder 1999 erst am vorletzten Spieltag gegen Mönchengladbach den Klassenerhalt sicherte. Das schöne Frühstück wird routinemäßig verpasst, stattdessen mache ich ein bisschen Alarm bei der lahmen Reisegesellschaft. Um zwei Uhr bin ich vor dem Şükrü-Saracoğlu-Stadion mit einem dänischen Online-Fernsehsender verabredet. Die Kollegen von 11FREUNDE haben tatsächlich auf mich verwiesen, als die Anfrage nach einem möglichen Interviewpartner kam. Wir schaffen die Überfahrt mit der Fähre, finden sogar im schlecht beschilderten Areal rund um das Stadion den Endspielort, doch um zwei Uhr ist von den Dänen nichts zu sehen. Sich die Zeit zu vertreiben, gestaltet sich schwierig. Rund um das Stadion fließt ein »Fluß«, der so vergiftet scheint, dass kleine Gasbläschen aufblubbern. Dementsprechend werden die Eingangsbereiche mit einem feinen Duft eingenebelt, der stark an verwesende Leichen erinnert, die man mit faulen Eiern eingeschmiert hat. Für Erheiterung sorgt das fabelhafte Angebot einer nahegelegenen Kneipe, die sich offiziell zur »Beer-Fanzone« erklärt hat und nun »Belegte Brote« für fünf Euro das Schnittchen anbietet. Ein famoser Preis, dementsprechend überfüllt ist auch die »Beer-Fanzone«.

Endlich, die Dänen kommen. Eine Stunde zu spät, doch das ist schnell vergessen, als Camilla aus dem skandinavischen Duo uns mit ihren blauen Augen anlächelt. Behände postiere ich mich vor der Kamera und mache einen auf Experten. Elegant, wie ich zwischen deutsch und englisch hin und her wechsele, als wäre ich ein Dolmetscher auf Koks. Hoffentlich wird man später nicht sehen, wie meine Knie zittern.

Als auch das überstanden ist, schlendern wir entspannt zur offiziellen Fanzone für den Bremer Anhang. Schnell wird klar: die Uefa hat sich mal wieder selbst übertroffen. Gleich neben dem Anlegehafen ist ein monströses Areal eingezäunt, in das nur Menschen mit einem Finalticket kommen. Kontakt zur Bevölkerung? Von wegen und wenn, dann nur durch den Zaun. Ob die Preise für Bier (fünf Euro) oder Hamburger (acht Euro) direkt von Michel Platini festgelegt wurden, können wir nur ahnen. Nach ein paar Einlagen mit dem Gala-Ball machen wir uns schnell wieder aus dem Staub und lenken unsere Bahnen in die vielen kleinen Gassen. Eine nette Kneipe, wir machen uns lang. Bier und Raki, eine unschlagbare Mischung. Neben uns sitzen Donezk-Fans, die waren uns bislang noch gar nicht aufgefallen. Eine Drei-Mann-Band erscheint und schreit türkische Folklore, dass mir die Ohren bluten. Begeistert stimmen wir mit ein und ernte dankbares Lachen, als für unseren Kellner Mustafa ein lobpreisendes Lied anstimme. Oh, wie schön ist Istanbul!

20 Uhr, jetzt aber hurtig. Vor dem Stadion ist die Stimmung fantastisch, einige Fener-Fans haben sich unters deutsche Volk gemischt und fackeln mitgebrachte Bengalos ab. Und ringsherum keine Kommentatoren-Stimme, die mit entrüsteter Kehle von »Chaoten« und »gefährlichen Feuerwerkskörpern« faselt. Ein letztes Efes, es drängt uns rein. Die Einlasskontrollen sind fast schon von erstaunlicher Lässigkeit. Doch kurz vor dem Stadion dann dieses: Ganzkörper-Drehkreuze, die nur alle paar Sekunden eine Person ins Stadioninnere lassen. Schnell wird gedrückt, gequetscht, gemeckert. Diese Aktion ist eine Frechheit, ich bin kurz davor mir mit einem Enterhaken Einlass zu verschaffen.

Endlich drinnen, der Bremer Block scheint voll zu sein, doch an den Ecken blitzen freie Plätze auf, gleich auch auf Donezker Seite. Schade, zumal es sich um das letzte Uefa-Pokal-Finale der Geschichte handelt. Das Spiel beginnt – Filmriss. Schön wäre es.

Irgendwann gegen vier Uhr sind wir wieder auf europäischer Seite und entern noch ein geöffnetes Lokal. Frustfressen. Die Grillplatte schmeckt fad. Dafür sind die Geschichten des Wirtes ungleich spannender. Er ist Saisonarbeiter, wohnt im Winter in Linz (als Skilehrer) und im Sommer in Istanbul (als Restaurant-Besitzer). Ich gerate in eine Diskussion über die Stärken und Schwächen vom SV Ried und kann das verlorene Endspiel vergessen. Kollege Kobra hat derweil Frustfressen mit Frustsaufen verwechselt und stürzt sich – schon sichtlich angeschlagen – den nächsten Raki herunter. Als er die Treppe Richtung Toilette erklimmen will, reißt er im Fallen ein Bild von der Wand, doch der Skilehrer aus Istanbul bleibt gelassen.

Donnerstag, 21. Mai 2009

Exakt 90 Minuten Schlaf, welch ein Timing. Kurz vor der Abfahrt entere ich das Internet und muss lesen, wie 11FREUNDE-Mann Kuhlhoff meine präzisen Analysen durch den Fleischwolf gedreht hat, mich gar als »Werder-Ultra« kennzeichnet. Allerdings: von einem Schalker hatte ich nicht viel mehr erwartet. Für unsere letzten Lira fährt uns ein Taxi-Fahrer (wie viele es davon wohl in Istanbul gibt?) zum Flughafen. Jeder will seine Ruhe haben, doch ein kleines Grüppchen notorisch vollstrammer Bremen-Fans johlt jämmerliche Gesänge.

Kurz vor dem Check-in beschließe ich den Experten mein Ellenbogen als zweites Frühstück anzubieten, da übertönt lautes Turbinen-Gejaule die unerträglichen Stimmen. Besten Dank auch. Schlaf im Flugzeug misslingt fürchterlich, dafür aber Gepäckübergabe und der Anschlusszug. Die Stimme weg, das Finale verloren, um 500 Euro ärmer – es hat sich wieder einmal (ganz ohne Ironie) gelohnt.