Das volle Programm zur WM in Russland
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Russlands Hoffnungsträger heißt Alexander Golowin

Der Mann, der aus der Kälte kam

Alexander Golowin ist die große Hoffnung der Sbornaja. Jetzt soll er in die Premier League wechseln – wo bislang kaum ein russischer Fußballer richtig glücklich wurde.

imago

Kaltan ist eine Kleinstadt in der Oblast Kemerowo, die näher an der mongolischen Grenze liegt als an Moskau. Die Sommer sind mild, aber kurz, die Winter lang und kalt. Im Januar sinken die Temperaturen manchmal auf minus 30 Grad. Neulich kursierte im Internet ein Bild, das einen ziemlich ramponierten Sportplatz in Kaltan zeigt. Kein Flutlicht, verrostete Pfosten, Eisdecken statt Rasen. Es ist der Platz, auf dem der große WM-Hoffnungsträger der russischen Nationalmannschaft Fußball spielen lernte. Er heißt Alexander Golowin und ist 22 Jahre alt.

Der Begriff des Märchens wird im Fußball sehr überstrapaziert, aber wie soll man diese Geschichte sonst nennen? Ein Junge aus einem 20.000-Einwohner-Nest 4000 Kilometer von Moskau entfernt wird eines Tages von ZSKA-Fußballscouts entdeckt. Eigentlich unmöglich in diesem Riesenland.

»Die Russen können die Talente nur nicht finden«

Wenn in Deutschland ein Junge außergewöhnlich gut Fußball spielen kann, ist es wahrscheinlich, dass er irgendwann im Raster eines DFB-Stützpunktes hängenbleibt. In Russland gibt es so ein Raster gar nicht. Der bekannte russische TV-Kommentator Sergei Krivokharchenko sagte in einem Interview mit »Spiegel Online«: »Es ist anzunehmen, dass einige unserer größten Talente auf den Innenhöfen spielen, nie entdeckt werden und sich dann irgendwann einen normalen Beruf suchen. Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich groß, dass der russische Messi irgendwo in Sibirien als Wachmann arbeitet oder an einer Tankstelle.« Diese These vertreten viele Sportjournalisten des Landes. Auch Michael Yokhin, Reporter für den »Guardian«, glaubt: »Es gibt in Orten wie Kaltan bestimmt viele gute Spieler. Die Russen können sie nur nicht finden.«

Vielleicht aber wollen sie diese Spieler gar nicht finden, denn kaum jemand im russischen Fußball denkt so weit im voraus. Fast alle Klubs der Premjer Liga sind in der Hand von Oligarchen, die kurzfristige Erfolge wünschen. Jugendförderung steht da nicht unbedingt an erster Stelle.

Golowins Geschichte ist eine Zur-richtigen-Zeit-am-richtigen-Ort-Erzählung. Sein Vater, ein Bergmann, schleppte ihn zum Fußball, dabei sind Eishockey und Bandy, ein Vorläufer des Eishockeys, die populäreren Sportarten in der Region. Als Kind spielte Golowin für den DYuSSh Kaltan, im Jugendalter landete er in einer Sportschule in Nowokusnezk, 50 Kilometer nördlich von Kaltan, 500.000 Einwohner. Er wurde Teil der Jugendauswahl Sibiriens, und eines Tages spielten sie ein überregionales Turnier, bei dem auch Scouts von ZSKA vor Ort waren.

Golowins Mannschaften hatten immer Erfolg

Vor der WM war die Stimmung in Russland ähnlich eisig wie im Januar in Kaltan. Kaum jemand traute der Sbornaja zu, überhaupt die Vorrunde zu überstehen. Von den sieben letzten Testspielen vor dem Turnierstart gewann das Team nicht eines. Ein wenig Hoffnung machte nur Alexander Golowin, den sie als Kopf einer neuen russischen Spielergeneration sehen. In Russland hoffen sie sogar, dass es eine goldene werden könnte.

Denn Golowins Mannschaften hatten bislang immer Erfolg. 2013 gewann er mit der russischen U17 die EM. Zwei Jahre später kam er mit der U19 ins EM-Finale. Er debütierte für ZSKA, wurde Stammspieler, schoss ein fantastisches Freistoßtor in der Champions League gegen Arsenal und brillierte regelmäßig in der Premjer Liga. Passraten von über 80 Prozent notierten die Statistiker, 1,5 Schlüsselpässe pro Spiel. 2017/18 machte er 43 Spiele für den Armeeklub, er kam auf sieben Treffer und sechs Assists.