Ronald Rengs Biographie über Robert Enke

Ein allzu kurzes Leben

Heute vor einem Jahr nahm sich Robert Enke an einem Bahnübergang im niedersächsischen Eilvese das Leben. Ronald Reng hat nun ein Buch über seinen Freund geschrieben. Christoph Biermann hat es gelesen. Ronald Rengs Biographie über Robert EnkeImago Dieses Buch ist der Freundschaftsdienst an einen Verstorbenen, und das allein könnte es der Verklärung verdächtig machen. Ronald Reng lebt als Autor in Barcelona und lernte dort vor acht Jahren Robert Enke kennen, als der Torhüter gerade zum FC Barcelona gewechselt war. Schon bald sprach Enke darüber, dass er gerne mit Reng nach dem Ende seiner Karriere ein Buch darüber schreiben würde. Immer wieder mal sagte Enke, dass er sich Notizen gemacht hätte, »damit ich nichts vergesse.« Was dem Autor zu Lebzeiten seines Torwartfreundes nie klar war: Vermutlich wollte Enke darin auch seinen Kampf mit der schrecklichen Krankheit offenbaren, die Depression heißt. Nachdem Enke ihn verloren hatte, als er sich am 10. November letzten Jahres auf die Gleise stellte, empfand es der Autor als einen unausgesprochenen Auftrag, das Buch ohne ihn zu schreiben.

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»Ein allzu kurzes Leben« hätte an großer Nähe und persönlicher Betroffenheit scheitern können, doch Reng verwandelt sie in die große Stärke des Buches. Er will wissen, was seinen Freund umgetrieben hat und arbeitet sich durch das Tagebuch Enkes, wo er dessen dunkelste Gedanken in den Zeiten findet, als die Depression akut ist. (2. November 2009: »Nur Selbstvorwürfe.«) Die Familie und engsten Freunde geben ihm so offen Auskunft wie ehemalige Trainer, Mit- und Gegenspieler. Auf diese Weise entsteht ein komplexes Bild der Persönlichkeit Enkes und der Krankheit, die für ihn letztlich tödlich endete.

»Die Angst vor Fehlern setzte ihm zu, dieses Denken: Wenn ich nicht der Beste bin, bin ich der Schlechteste«, sagt Dirk Enke, der Vater des Torhüters. Als talentierte Nachwuchskeeper rückt sein Sohn schon mit 16 Jahren in die A-Jugend des FC Carl Zeiss Jena auf und will nach dem ersten Spiel mit dem Fußball aufhören, weil er sich in der höheren Altersklasse überfordert fühlt. »Die Seele erinnert sich immer an diese Grenzerfahrungen«, meint Dirk Enke, der als Psychotherapeut arbeitet. Und wirklich erlebt sein Sohn ähnliche Situationen wiederholt. Bei seinem dritten Spiel als Profi, Jena tritt beim VfB Leipzig in der zweiten Liga an, kassiert Robert Enke einen haltbaren Treffer und bittet seinen Trainer zur Halbzeit, ihn auszuwechseln. Als er 1999 den Vertrag in Lissabon unterschrieben hat, liegt er nur Stunden später weinend auf dem Bett seines Hotelzimmers und will die Unterschrift wieder rückgängig machen.

»Glücklich, wenn ich nur Ersatzspieler bin«

In den ersten Wochen in Portugal muss ihn seine Frau Teresa immer wieder ermutigen. »Zum täglichen Training bei Benfica begleitet sie ihn, als bringe sie ihn ins Krankenhaus«, schreibt Reng. Doch damals erlebt Enke keine Depression, stabilisiert sich wieder und verbringt bei Benfica die glücklichste Zeit seiner Karriere. Es ist die Zeit einer positiven Eskalation, wie sie im Laufe seiner Karriere immer wieder vorkommt. »Je mehr ihn die Leute für seine Ruhe und Souveränität lobten, desto abgeklärter spielte er, ohne die Wechselwirkung zu bemerken.«

In Portugal spielt Enke so stark, dass ihn 2001 Manchester United verpflichten will, Sir Alex Ferguson ruft persönlich an. José Mourinho möchte ihn zum FC Porto holen, doch Enke wechselt 2002 zum FC Barcelona, wo gerade Louis van Gaal Trainer ist. Sein erstes Spiel, im Pokal bei einem Drittligisten, wird jedoch zum traumatischen Erlebnis. Er verschuldet Gegentore, wird hinterher von Mannschaftskapitän Frank de Boer öffentlich kritisiert und ist fortan nur noch Ersatz. «Manchmal glaube ich: ich bin fast glücklich, wenn ich nur Ersatzspieler bin«, sagte er. Halbherzig beginnt er damals eine Gesprächstherapie, doch ein Jahr später wird es richtig schlimm. Nach nur einem Spiel für Fenerbahce Istanbul flieht er aus der Türkei und bedarf nun dringender Behandlung. Er fühlt sich von allem überfordert, die Depression ist erstmals ausgebrochen.



Es geht in diesem Buch nicht allein um die Krankheit und die Frage, woher sie kommt. Doch sie schwingt immer mit, wenn Jupp Heynckes seinen Torwart in Lissabon als neben dem Argentinier Fernando Redondo ungewöhnlichsten Spieler beschreibt, mit dem er je zusammengearbeitet hat: »Die beiden waren nicht nur besondere Fußballer, sondern besondere Menschen, respektvoll, sozial intelligent.«

Enke ist ein sensibler Keeper, der seiner Frau kleine Gedichte schreibt, sich ausdauernd sozial engagiert und Konkurrenten gegenüber immer fair bleibt. Als Timo Hildebrand nicht zur EM 2008 nominiert wird, versucht er, den Torhüterkollegen zu trösten. Auch Sven Ulreich vom VfB Stuttgart ruft er an, weil er findet, dass der junge Keeper im Fernsehen fälschlicherweise kritisiert wurde. Auf der anderen Seite verschweigt Reng aber auch nicht, dass Enke zunächst fast eifersüchtig auf öffentliches Lob für René Adler reagiert, seinen jungen Konkurrenten im Nationaltor, bevor sich beide doch anfreunden.

»Als ob der Zugang zu seinem Gehirn reduziert würde«


So ist dieses vielschichtige Buch, das auch über die üppige Länge von mehr als 400 Seiten nie redselig wirkt, nicht weniger als die beste Biographie, die hierzulande bislang über einen Fußballspieler geschrieben wurde. Es trägt überdies zum Verständnis der bislang in vielen Aspekten noch unerklärbaren Volkskrankheit Depression bei. »Es war, als ob der Zugang zu seinem Gehirn auf einen kleinen Spalt reduziert würde, durch den nur noch negative Regungen hindurchschlüpften, Angst, Stress, Traurigkeit, Zorn, Überforderung, Erschöpfung.« In diesen Momenten wird der Tod für den an Depression Erkrankten vor allem zur Möglichkeit, »dass diese Finsternis verschwindet«.

»Ein allzu kurzes Leben« ist aber auch ein Buch über Torhüter. Der passionierte Amateurkeeper Reng liefert viele genaue Beschreibungen und findet schöne Sätze, wie Torhüter das Spiel erleben. Es geht dabei um die Grenzerfahrung und den Rausch, Kopfbälle aus nächster Nähe zu halten, um die Kunst des richtigen Stellungsspiels, unterschiedliche Stile der Keeper und die Frage, wo die Nähte auf den Torwarthandschuhen sein sollten. Reng erklärt auch, warum Keeper oft gar nicht so sehr darunter leiden, vom Gegner den Kasten vollgehauen zu bekommen, wie man das vermuten könnte. »Die Einsamkeit des Torhüters ist literarisch oft überhöht und bedauert worden, aber für den Torwart einer untergehenden Mannschaft ist sie oft ein Segen. Er spielt sein eigenes Spiel und findet in der Niederlage seine Siege.« Die Tragik von Robert Enke lag darin, dass er aufgrund seiner Krankheit zum Schluss selbst in seinen Siegen nur noch Niederlagen sehen konnte.