Ronald Reng über Real Madrid

»Spanien will Spektakel«

In Spaniens Fußball regiert der Wahnsinn. Und jetzt beginnt auch noch die Champions League. Unser Experte Ronald Reng über abstruse Transfersummen, Betrug in Bilbao und die Rückkehr der »Galactios«. Ronald Reng über Real Madrid Ronald Reng, jetzt, da sich die Aufregung um den 94-Millionen-Transfer für Cristiano Ronaldo wieder etwas gelegt hat: Wie hat man in Spanien auf dieses Wechselgebaren reagiert?

In Spanien findet man das zunächst einmal großartig. Der größte Star für die Fans von Real Madrid ist zur Zeit Florentino Perez, weil er Real – aus Sicht der Fans – die alte Größe zurückgegeben hat. Dadurch, dass er mit Millionen um sich wirft und allen zeigt: Wir sind immer noch der reichste Verein der Welt!

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In Deutschland hat man regelrecht angewidert auf die unglaublichen Summen reagiert.

Grundsätzlich ereifern sich die Spanier viel weniger moralisch an Stars und auch an großen Summen. In diesem Jahr gab es das erste Mal so etwas wie ein leichtes Zögern, was die Transfers in der Premiera Division betrifft. Was daran liegt, dass die Krise hier voll eingeschlagen hat, vor allem in der Bauindustrie. Die Arbeitslosenquote hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt, von 9 auf 18 Prozent. Das ist die höchste Quote in der gesamten EU.

Und dann kommt mit Perez einer der größten Baumogule...

...und pumpt Geld in Real Madrid, das er als Kredit von Banken versprochen bekommen hat. Gleichzeitig hören die Menschen jeden Tag, dass der Schreinerbetrieb oder die Fleischerei um die Ecke keinen Kredit mehr bewilligt bekommt. Verständlicherweise kommt da dann auch mal Frust auf. Vor allem in einem kleinen Ort namens Barcelona, der das natürlich ziemlich ausgeschlachtet hat. Für deutsche Verhältnisse ist die moralische Diskussion aber sehr schnell verpufft. Wobei man dazu auch sagen muss, dass kein Land der Welt diese allgemeinen Diskussionen über Moral und Unmoral mehr liebt als Deutschland.

Können Sie die Unterschiede zwischen Deutschland und Spanien in diesem Kontext benennen?

Das ist schwierig, da würden wahrscheinlich Psychologen bessere Antworten haben als ein Sport-Journalist. Ich versuche es mal. In Spanien herrscht eher die Meinung vor: die Welt ist schlecht, aber ich werde sie auch nicht mehr ändern. Zudem ist das spanische Volk ein sehr tolerantes Volk, was vor allem daran liegt, dass unter Franco so viel verboten war. Das fängt an bei Drogenkonsum in der Öffentlichkeit und hört auf bei Korruption und Steuerhinterziehung. In der Partido Popular, quasi der CDU Spaniens, gibt es regelmäßig riesige Korruptionsdelikte. Die Leute wählen sie trotzdem, nach dem Motto: Politiker sind eben korrupt, wo ist das Problem?

Wie wirkt sich das auf die Geschehnisse im Profi-Fußball aus?

Man geht nicht groß den Fragen nach: Wie finanziert der sich eigentlich, woher stammt das Geld, ist es überhaupt in Ordnung, so viel Geld für einen Spieler auszugeben? Nein, die Haltung ist eher so wie auf einem Kindergeburtstag: die größten Stücke des Kuchens sind alle für mich! Ergo: die größten, die teuersten Stars gehören alle zu meinem Team.

Nochmals die Frage: wie lässt sich das erklären?

Fußball ist in Spanien Spektakel und wird auch so verstanden. Hier erwartet man, dass in jedem Spiel großartige Dinge passieren. Deshalb verehrt man Spieler, die in der Lage sind, unglaubliche Sachen auf dem Platz zu machen. Dementsprechend offensiv ist auch das Spiel eingestellt. Als Christoph Metzelder bei Real Madrid anfing, ist er fast verrückt geworden. Mannschaften zerbrechen in Spanien chronisch in zwei Teile. Fünf Spieler die verteidigen, fünf Spieler, die angreifen. Die Menschen haben Sehnsucht nach Fußballern, die Spektakel bieten. Gleiches gilt für die Transfersummen und die Präsidenten, die sie bezahlen.

Präsidenten?

So wie sich die Präsidenten der spanischen Vereine aufführen, wären sie in Deutschland untragbar. Ich erinnere nur an Jésus Gil y Gil, der bei Atletico Madrid nach der gewonnenen Meisterschaft auf einem Elefanten um den Platz ritt. Der Präsident von Rayo Vallecano kam zu Gericht mit einem Superman-Kostüm. Dmitri Pietermann, der Ukrainer, der sich Alaves gekauft hatte, ließ sich während eines Interviews nackt fotografieren. Ein Fußball-Präsident in Spanien muss eine gute Show abliefern. Das wird nicht nur toleriert, das wird goutiert. Jedenfalls wird sich die Frage, wie und ob Perez seine teuren Stars refinanzieren kann, nicht gestellt. Ob nun in der Kneipe oder auf den Pressetribünen.

Diese, nennen wir es: Unbekümmertheit – ist die für Sie als deutschen Journalisten eine Wohltat?

Mich interessiert immer noch zuallererst der Fußball. Und wenn man es rein sportlich betrachtet, sind diese ganzen Neuzugänge natürlich ein Genuss. Es ist ja äußerst spannend zu beobachten, ob aus dieser Fülle an hervorragenden Einzelspielern eine gute Mannschaft entstehen kann, ob dieses Projekt funktioniert.  Real spielt schon jetzt wieder wie die »Galacticos«, mit vier reinen Offensivspielern in einem 4-2-3-1-System.  Beim ersten Ligaspiel gegen Deportivo dachte ich nur: Jetzt geht der Wahnsinn wieder los! Mit Mann und Maus geht es nach vorne, eine systematische Verteidigung ist nicht vorhanden, nur fünf oder sechs Spieler bilden den Defensivverbund. Bekommen die zwei Tore, schießen sie eben drei...

Und abseits des Fußballplatzes?

Was mich irritiert und auch stört, ist, dass es einfach keine kritische Hinterfragung gibt. Wir hatten hier im Frühjahr ein abschreckendes Beispiel, als herauskam, dass Levante ein Spiel an Athletic Bilbao verkauft hat. Ein paar Spieler von Levante hatten das öffentlich zugegeben. Einen Tag später stand das groß in allen spanischen Zeitungen und seitdem hat man darüber nie wieder einen Bericht lesen können. Zu einer Verurteilung ist es nicht gekommen: der Verband hatte die Verfahren eingestellt, mit der Begründung, dass dies eine Sache der öffentlichen Gerichtsbarkeit sei. Die wiederum wollte den Fall nicht annehmen, weil sie behauptete, dass Betrug  ein Fall für die Sportgerichte sei. Dabei könnten die Belege dafür, dass sich Athletic den Sieg am letzten Spieltag der Saison 2006/07 erkaufte und damit den Abstieg verhinderte nicht deutlicher sein.

Inwiefern?

Es kamen so Sachen heraus, wie der Dialog zwischen dem Bilbao-Akteur Yeste und Felix Ettien von Levante, der ihm zurief: »Hey, jetzt lauf doch nicht so schnell, wir haben dich doch bezahlt!« Der damalige Kapitän von Levante, ein gebürtiger Baske, der jetzt für Legia Warschau spielt, hat das Ganze offenbar eingefädelt. Es gibt Telefongespräche – die auch öffentlich gemacht wurden – in den Levantes Kapitän Iñaki Descarga sich bei seinem Präsidenten über den Italiener Damiano Tommasi beschwert, der damals noch für Levante spielte, den Betrug aber offenbar nicht mitmachen wollte:  »Dein Italiener, der muss doch wissen, dass so etwas ganz normal ist, schließlich kommt der aus Italien!“ Und trotz dieser erschlagenden Indizien ist die ganze Sache einfach unter den Tisch gekehrt worden.

Woran kann das liegen?

Ich habe den Eindruck, dass viele spanische Kollegen es sehr sehr gerne haben, wenn sie nach dem Spiel noch Shake-Hands mit den Spielern austauschen können oder ein wenig mit ihnen schäkern. Tauchen solche Fälle, wie das Beispiel von Bilbao auf, wird schnell gesagt: wir sind doch Fußball-Journalisten, wir schreiben über Fußball. Investigative Geschichten werden unter den Journalisten hier nicht unbedingt als erstrebenswertes Ziel angesehen, wie es beispielsweise in England oder Deutschland der Fall ist.

Sie haben es angesprochen: in anderen europäischen Ländern sind Journalisten gerade hinter solchen Geschichten her. Warum nicht in Spanien?

Vielleicht kann man es damit erklären, dass das Spanien, wie wir es heute kennen, noch sehr jung ist, quasi entstanden und etabliert seit Francos Tod 1975. Man ist noch nicht so weit, seine Sporthelden zu hinterfragen. Das wird im Deutschland der 50er-, und 60er-Jahre nicht anders gewesen sein. Die Weltmeister von 1954 wurden auch in keinster Weise hinterfragt,  auch wenn ich nicht sagen kann, ob es überhaupt etwas zu hinterfragen gegeben hat.

Glauben Sie, das wird sich in den kommenden Jahren ändern?

Ich denke schon, das ist ein Entwicklungsprozess und braucht Zeit. Seine Helden nicht zu kritisieren ist kein rein spanisches Problem.

Heute Abend beginnt die Champions League. Wie sehr sind Real Madrid und Co. auf die Königsklasse fixiert?

Sehr intensiv. Zumal das Finale 2010 in Madrid stattfindet, allen ist klar, dass Real im Endspiel stehen muss. Das hat die Steine auf der Transferebene auch erst ins Rollen gebracht. Ramon Calderon, der Vorgänger von Perez, hatte schon im März einen großen Kredit beantragt, der den Kauf von Cristiano Ronaldo ermöglichen sollte. Calderon war es auch, der mit Manchester einen Vorvertrag abgeschlossen hatte, der Real garantierte, dass Ronaldo im Sommer für 80 Millionen Pfund United verlassen durfte.

Garantiert die Anhäufung solcher Superstars wie Kaká, Ronaldo oder Benzema überhaupt, dass eine Mannschaft erfolgreichen Fußball spielt?

Nein, natürlich nicht. Beispiel dafür gibt es ja auch in Spanien genug. Wie Aleksander Hleb bei Barcelona, der da so über den Platz stolperte, dass man ihn fragen wollte: Hast du eigentlich jemals ein Fußballtraining besucht? Dabei ist Hleb ein wunderbarer Spieler, seine Anpassungsschwierigkeiten in Barcelona waren aber offensichtlich zu groß. Zusätzlich musst du als neuer Akteur die Zweifel der etablierten Spieler überwinden. In Madrid hat sich beispielsweise Iker Casillas sehr kritisch über die vielen Neuzugänge geäußert. Auf die Frage, wie er denn Ronaldo fände, hat Casillas nur geantwortet: »Namen sind schön und gut, aber Namen gewinnen keine Spiele. Spiele gewinnen Männer.«

Die »Galacticos« gewannen zwar 2002 die Champions League, verloren danach aber jegliche Dominanz. Viele sagen, weil man den großen Fehler gemacht hatte den defensiven Mittelfeldspieler Claude Makelele  verkaufen...

Das war damals auch der tatsächlich der Auslöser dafür, dass die »Galacticos« nicht mehr funktionierten. Mit Makelele brach das letzte Stück Gleichgewicht aus der Mannschaft. Damals hat Perez mit dem Hirn eines Bauingenieuren Madrids Geschicke gelenkt, aktuell scheint er immerhin aus seinen Fehlern gelernt zu haben. Mit Lassana Diarra und Neuzugang Xabi Alonso hat Real jetzt zwei außerordentlich gute Spieler im zentralen defensiven Mittelfeld. Reals damaliger Trainer, Carlos Queiroz, der gerade in Portugal mit Pauken und Trompeten in der WM-Qualifikation zu scheitern droht, versuchte es nach dem Verkauf von Makelele mit Guti als defensiven Spieler. Das war ein Himmelfahrtskommando! Damals hat sich Perez geweigert, Abwehrspieler zu verpflichten, mit der Begründung: »Abwehrspieler sind Fußballer, die nicht gut genug als Stürmer waren.«

Wie lässt Madrids neuer Trainer Manuel Pellegrini spielen?

Wie gesagt, im 4-2-3-1-System. Das heißt links Marcello oder Arbeloa und rechts Ramos als Außenverteidiger, in der Mitte hat er die Wahl zwischen Pepe, Metzelder und Raul Albiol. Dann Diarra und Xabi Alonso im defensiven Mittelfeld, davor links Raul, rechts Cristiano Ronaldo und in der Mitte Kaká. Vorne dürfte Benzema gesetzt sein, so lange Ruud van Nistelrooy nicht wieder vollkommen fit ist.

Eine gute Mannschaft?

Zweifellos, ja. Das war schon brutal, wie die in den ersten Ligaspielen bei Kontern das Spiel schnell gemacht haben. Da dachte ich: Die Galaktischen sind zurück!