Richard Hofmann im Porträt

Des Volkes König

Seinen Dresdner SC führte er zu Meisterschaften und Pokalsiegen. Durch legendäre Auftritte im DFB-Dress wurde er zum Idol für die Massen. Doch eine WM-Endrunde sollte ihm auf ewig verwehrt bleiben. Ein Porträt. Richard Hofmann im Porträt Sie hätten ihn gebrauchen können an diesem Tag. Der Gegner, spielerisch besser und in jeder Phase der Partie überlegen, spielte Katz und Maus mit der deutschen Hintermannschaft. Die Stürmer Edmund Conen und Ernst Lehner konnten auf dem schmierigen Untergrund im Mailänder »Stadio Calcistico di San Siro« kaum für Entlastung sorgen. Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, erwischte Torwart Willibald Kreß einen rabenschwarzen Tag und musste sich vom tschechoslowakischen Angreifer Oldrich Nejedly einen Hattrick einschenken lassen. Gleich bei zwei Gegentreffern sah der Schlussmann von Rot-Weiss Frankfurt nicht gut aus. Die Niederlage der deutschen Mannschaft war damit besiegelt.

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Nach diesem 1:3 im WM-Halbfinale an jenem 3. Juni 1934 lagen die deutschen Spieler um Spielführer Fritz Szepan am Boden. Sie waren so nah dran am Finale gegen Gastgeber Italien. Doch es sollte nicht sein, wohl auch, weil ein Mann vom DFB nicht ins deutsche Aufgebot für die zweite Weltmeisterschaft berufen wurde. Sein Name: Richard Hofmann.

1906 kam Hofmann im sächsischen Meerane zur Welt. Dort begann er bereits im Alter von sieben Jahren bei Meerane 07 mit dem Fußball. Schnell wurde deutlich, welches Talent in dem kantigen Jungen steckte. Er war schnell, wendig und mit einer unwahrscheinlichen Schusskraft ausgestattet. Sein Debüt in der Nationalmannschaft ließ nicht lange auf sich warten. Als 21-Jähriger bestritt er am 2. Oktober 1927 in Kopenhagen bei der 1:3-Niederlage gegen Dänemark sein erstes Länderspiel. Der Startschuss für eine große Karriere, die ihn vermutlich unsterblich gemacht hätte, wäre er nur zu einer anderen Zeit geboren worden.

Sein großes Spiel gegen England

Der englische Trainer Jimmy Hogan erkannte früh das große Potential des halblinken Außenstürmers. »Ein Dickkopf, der weiß was er will. Wenn Richard einen Ball sieht, ist er nicht zu halten. Wenn er schießt, möchte ich nicht Tormann sein», sagte Hogan über jenen Spieler, den er 1928 überredete, zu dem von ihm betreuten Dresdner SC zu wechseln.

Auch der damalige Reichstrainer Otto Nerz begeisterte sich schnell für Hofmann. Zwischen 1927 und 1933 wurde dieser 25-Mal in die deutsche Auswahl berufen und schoss in sechs Jahren 24 Tore für die DFB-Elf. Ihm gelang dabei gleich fünfmal das Kunststück, drei Tore in einem Länderspiel zu erzielen und zwar jeweils in einem anderen Jahr.

Seine größte Partie im DFB-Dress lieferte Hofmann zweifellos am 10. Mai 1930 ab. In Berlin traf Deutschland auf die übermächtigen Engländer, die bereits als Vollprofis galten. Hofmann wäre fast nicht mit von der Partie gewesen, denn um ein Haar hätte er im Mannschaftshotel verpennt. Doch der Halblinke vom Dresdner SC war mit seinen 24 Jahren schon so eine unverzichtbare Größe in der Nationalelf, dass ihn der gestrenge Reichstrainer Nerz persönlich aus den Federn holte und ihn unter Gelächter seiner Teamkameraden in den Mannschaftsbus setzte.

Einen wie ihn wollten die 50.000 auch sehen, die an diesem Mai-Samstag ins Deutsche Stadion in den Grunewald kamen. Doch die zahlreichen Zuschauer mussten sich gedulden. Der Bus des deutschen Teams streikte auf dem Weg zum Spiel und so musste das letzte Stück in eilig herbeigerufenen Taxis zurückgelegt werden. Zunächst buhten die Zuschauer ihre eigene Mannschaft aus, als sie den Platz betrat, da das Spiel mit 13 Minuten Verspätung begann und die Profis aus England beim Abspielen der Nationalhymne allein auf dem Rasen standen.

Dann begann das größte Spiel des Richard Hofmann, der zunächst aber auf Tauchstation ging. »Hofmann spielte seinen eigenartigen Stiebel für sich. Er war im Felde oft nicht zu sehen«, mäkelte die »Fußball-Woche« später. Englands Profiteam ging in Führung, Hofmann glich aus dem Nichts aus. Zur Pause hieß es dann 1:2. Die Engländer klatschten sich nicht mal ab nach ihrem Führungstor. Vor diesem britischen Understatement erstarrte das Publikum, denn nichts deutete zu jenem Zeitpunkt auf eine Sensation hin.

Bei Arsenal auf dem Wunschzettel


Doch dann kam der Regen, schon vor Fritz Walter ein Verbündeter der Deutschen, und eine andere Elf spielte auf. Nach einem Torwartfehler traf Hofmann zum 2:2, dann schoss er einen Engländer regelrecht K.O., und schließlich glückte ihm sogar das 3:2, als er »mit Riesensätzen loszog und den Ball im richtigen Moment mit faszinierender Sicherheit an dem englischen Tormann vorbei in sein unbeschütztes Tor laufen ließ. »50.000 Deutsche tobten, als wären sie Italiener«, berichtete die »Fußball-Woche« enthusiastisch.

Am Ende hieß es zwar 3:3, aber das änderte nichts am Triumphgefühl im Stadion. Denn elf deutsche Amateure hatten die englischen Profis an den Rande einer Niederlage gebracht. Hinterher war vom bis dato besten Länderspiel überhaupt die Rede. Die Briten wollten Hofmann sogar seine Schuhe abkaufen, bei Arsenal London stand sein Name fortan auf der Wunschliste. Doch Hofmann ließ sich nicht erweichen und blieb seinem DSC treu. Bis heute hält der Stürmer den Rekord für die meisten Tore eines Deutschen in einem Spiel gegen England.

Ab diesem Zeitpunkt wuchs naturgemäß Richard Hofmanns Popularität. Er stieg durch diese Sternstunde gewissermaßen in höchste Kreise empor. »In der englischen Geschichte wird er wohl den Namen Richard III. erhalten«, schrieb eine Zeitung, und fortan war er für alle Welt nur noch »König Richard«. Diese Rolle nahm er gern an, und als er vor dem nächsten Länderspiel in Kopenhagen als Kapitän den König von Dänemark begrüßen durfte, beantwortete er die Frage nach seinem Befinden so: »Danke gut, Herr König.« Die Mannschaftskameraden lachten, Hofmann konterte: »Ihr wisst eben nicht, wie man mit seines gleichen spricht.«

Der beste Stürmer der Welt

Fortan lauteten die Anfeuerungsrufe in allen deutschen Stadien: »Hofmann vor, noch ein Tor.« Der Junge aus Thüringen wurde so etwas wie der erste kollektive Publikumsliebling der deutschen Fußballgeschichte. Viele Legenden ranken sich bis heute um seine Person. Sie reichen von zerschossenen Tornetzen bis hin zu umgeknickten Torpfosten, die seinen Kanonenschüssen angeblich nachgegeben haben sollen. Verbürgt ist zumindest dieses Zitat des damaligen Ausnahmestürmers: »Wenn wir verloren, hat meine Braut Pech gehabt; da gab's ooch keen' Kuss.«

Wenige Monate später gab es jedoch ein Küsschen für die Ehefrau. Im Dresdner Ostragehege lag die deutsche Mannschaft gegen Ungarn schon 0:3 im Rückstand, ehe ein Hofmann-Treffer die Wende zum spektakulären 5:3-Sieg einleitete. Hofmann genoß mittlerweile, hervorgerufen durch derlei Erfolge, großes internationales Ansehen .

Der englische Kapitän David Jack sagte 1931 über »König Richard«: »Er ist der beste Stürmer der Welt.« Das hatte Folgen. Die Werbung entdeckte den Sachsen, der seit einem schweren Autounfall nur noch ein Ohr hatte und dadurch gezwungen war, bei den Spielen mit einem unverwechselbaren Kopfverband zu spielen. 1933 lachte er in Lebensgröße von Plakaten der Zigarettenfirma Bulgaria, was den nationalsozialistisch-geprägten DFB-Kadern bitter aufstieß. Wegen Verstoßes gegen das Amateurstatut wurde er aus der Nationalmannschaft geworfen und für zwei Jahre gesperrt. Damit verpasste er jene WM 1934 und konnte dem deutschen Team im Halbfinale von Mailand nicht helfen.

Im Anschluss an die Niederlage gegen die Tschechoslowakei dachten viele Deutsche, dass mit Hofmann gar der WM-Titel möglich gewesen wäre. Doch auch nach der abgelaufenen Sperre wurde der Stürmer des Dresdner SC nicht begnadigt. Die deutschen Fans wollten diese Majestätsbeleidigung gegen ihren »König Richard« nicht akzeptieren. »Hofmann-frei« skandierten 65.000 Zuschauer im Mai 1935 minutenlang im Ostragehege beim Länderspiel Deutschland gegen Tschechoslowakei, so dass der damalige DFB-Fachamtsleiter Lienemann Berichten zu Folge totenbleich die Tribüne verließ. Aber nicht mal von Volkes Stimme ließ sich die DFB-Führungsriege erweichen. Einem der größten Fußballer seiner Zeit sollten die Weltmeisterschaften damit auf ewig verwehrt bleiben.

Der DFB ließ nicht erweichen

Hofmann musste sich daraufhin zwangsläufig auf seinen Dresdner SC konzentrieren. Zusammen mit seinen Vereinkollegen Willibald Kreß und einem gewissen Helmut Schön, ab 1938 Kapitän der Nationalelf,  führte Hofmann den DSC zu seinen größten Erfolgen. Die Mannschaft gewann 1940 und 1941 den Deutschen Pokal (damals noch Tschammer-Pokal) und im Anschluss daran zwei deutsche Meisterschaften (1943, 1944).

Nach dem Krieg wurde es zunächst ruhig um Richard Hofmann. Er spielte  bei der SG Hainsberg und beim VfL Willich, ehe er 1948 zur SG Friedrichstadt zurückkehrte, dem Nachfolger des DSC. Während die Schwarz-Roten bereits wieder durchschnittlich 28.000 Zuschauer ins heimische Stadion lockten, musste der Rest der Liga sich mit der Hälfte und weniger zufrieden geben. Dies lag nicht zuletzt an solchen sportlichen Größen wie Helmut Schön, Herbert Pohl und eben auch Richard Hofmann.

Zur Flutlichtpremiere des Heinz-Steyer-Stadions im Jahre 1949, die Partie hieß SG Friedrichstadt gegen eine DDR-Auswahl, wurde der bereits 43-jährige Hofmann zum letzten Mal eingewechselt. Riesenjubel brandete los im weiten Rund. Die Zuschauer feierten frenetisch den Abschied von einem der besten Fußballer aller Zeiten.

Später stellte sich Hofmann als Funktionär und Trainer zur Verfügung. 1956 betreute er die DDR-B-Auswahl. Für seine Verdienste wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, wie mit dem Titel »Verdienter Meister des Sports« und der Ehrenmitgliedschaft im Präsidium des Deutschen Fußball-Verbandes.

Vom Volke zum König ausgerufen


Dem Nachwuchs erteilte Hofmann den legendären Ratschlag: »Junge Burschen müssen sich mit ganzem Herzen der Sache widmen. Sie müssen wissen, für wen sie spielen - für ihre Gemeinschaft, für ihre Stadt, für ihr Land. Und gibt es mal ein paar Fehler im Spiel - das kann passieren. Doch den letzten Einsatz, den müssen sie immer zeigen.« Helmut Schön, der spätere Weltmeistertrainer und ein langjähriger Klubkamerad, nannte Hofmann gar »das spielerische und moralische Rückgrat des DSC«.

Richard Hofmann starb im Alter von 77 Jahren am 5. Mai 1983 in Freital. Sohn Bernd bestritt zwischen 1962 und 1969 115 Spiele für Dynamo Dresden und schoss dabei 17 Tore. Der »Kronprinz« Hofmann, wie man ihn zu seiner aktiven Zeit nannte, sagte über die drei Tore seines Vaters in der legendären Partie gegen England: »Das Spiel war sein schönstes Erlebnis und sein größter Erfolg. Davon hat er immer geschwärmt.«

Hätte ihm der DFB nicht die Weltmeisterschaften von 1934 und 1938 verwehrt, wer weiss, ob nicht heute jedes Kind den Namen Richard Hofmann kennen würde. Auch wenn ihm internationale Titel verwehrt blieben, so gilt »König Richard« doch als einer der größten deutschen Fußballer, der getrost in einem Atemzug mit Fritz Walter, Franz Beckenbauer oder Gerd Müller genannt werden kann. Nicht nur wegen den drei Toren im Spiel gegen England, sondern weil er ein Vorbild an Einsatz und Kameradschaft war.

Für viele mögen das heute altbackene, belächelte Tugenden sein. Doch damals wurde er für das fußballverrückte Volke zum König.