Regionalliga, Versuchskaninchen des deutschen Fußballs

Doch lieber eine »Amateurmeisterschaft«?

Illertissen ist eine prosperierende Kleinstadt – schwäbische Gemütlichkeit, aber nicht zu provinziell, was die direkte Lage an der A7 auf halber Strecke zwischen Ulm und Kempten beweist. Den Namen besitzt sie von dem Fluss Iller, der entlang der östlichen Stadtgrenze gen Donau fließt. »Kränzle«, ein Unternehmen für Hochdruckreiniger und Reinigungsgeräte, ist ein Job-Motor im 16.000-Seelen-Ort. Wenn sich Geschäftsführer Ludwig Kränzle, der zusammen mit Vater und Firmengründer Josef das Unternehmen leitet, für fünf Minuten ins Auto setzt und vom Gewerbepark im Norden Illertissens nicht einmal drei Kilometer in die südliche Richtung steuert, empfängt ihn das Sportzentrum – die Heimat vom FV Illertissen, dessen Vorstand Ludwig Kränzle ist. Er kann die Aufregung um die Regionalliga Bayern nicht verstehen. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass der FVI als Überraschungserster in die Rückrunde geht.

Ausschreitungen vorprogrammiert?

»Über den Aufstieg denken wir noch gar nicht nach. Wir wollen in diesem Jahr beste bayrische Amateur-Mannschaft werden.« Aus dem Mund des Unternehmers, der im Verein Hauptsponsor ist, klingt das alles so sympathisch unprätentiös, als seien Ambitionen im Fußballgeschäft riskante Risikopapiere. Während man sich als Betrachter des hiesigen Vöhlin-Stadions mit seinem Fassungsvermögen von 3.000 Zuschauern und dem offenen Dorfanger-Charme einfach keine brisanten Entscheidungsspiele vorstellen kann, unterstreicht auch Ludwig Kränzle die Wesensart der Regionalliga Bayern: »Von meiner Seite besteht auch gar kein Interesse, gegen Mannschaften wie Leipzig oder Magdeburg anzutreten. Da sind Ausschreitungen ja vorprogrammiert. Eine Staffel mit den zweiten Mannschaften ist für uns viel attraktiver.« Man könnte diese Aussage in großer Empörung als vorurteilsbeladen abstempeln. Tatsächlich signalisiert sie nur, dass man in der neu geschaffenen Staffel höchst zufrieden untereinander kickt. Man bleibt eben gerne unter sich. Da hat es schon fast etwas Trotziges, wenn Kränzle von »gut besuchten Spielen in der Regionalliga Bayern« spricht.

Die Worte Kränzles muss man weder gutheißen noch verurteilen. Vielmehr zeigen sie dem DFB aber die Ausmaße seiner geschaffenen Strukturen, in denen sich manche Vereine nun lieber auf eine rückwärtsgewandte »Amateurmeisterschaft« besinnen, in der der Wettbewerbsgedanke fast ausgehöhlt ist, als vielmehr neue sportliche Ziele ins Auge zu fassen. Letzteres sollte eigentlich die Prämisse einer fortschrittlichen Regionalliga sein.

Rainer Milkoreit klingt etwas hektisch durch die Freisprechanlage seines Autos. Er sei gerade auf dem Weg von einer Präsidiumssitzung des DFB nach Hause, so der 68-Jährige. Milkoreit ist seit über zwei Jahren NOFV-Präsident und sitzt somit als DFB-Vize auch im Präsidium des weltweit größten Fußball-Bundes. Im Gespräch verteidigt er die Entscheidungen des DFB resolut: »Man kann doch nicht die Reform absegnen und dann kritisieren, dass nicht jeder Meister aufsteigen darf. Eine Mannschaft wie Jena beispielsweise hätte doch auch nicht aus der 3. Liga absteigen brauchen. Letztendlich muss jeder Verein die Rahmenbedingungen, unter denen er spielt, akzeptieren. Die Regelung gehört zum Wettbewerb der Regionalliga. Das ist das Risiko.«

Das Tal der Tränen

Es ist die Selbstverständlichkeit, sich in der Entscheidungsgewalt als Anwalt der Vereine zu sehen, die in Milkoreits Aussagen schockiert, wogegen doch die Klagen der Vereine laut vernehmbar scheinen. Die Kritik, an der Spitze würden Entscheidungen getroffen, mit deren Folgen die Basis allein zu kämpfen habe  – in den wenig diplomatischen Äußerungen des DFB-Vize scheinen sie erstmals greifbar. Eventuell lassen die Vereine den Sommer nach der Relegation verstreichen. Eventuell werden sich aber auch einige wenige Vereine nach den Entscheidungsspielen wieder aufgrund einer ihrerseits empfunden, klaffenden Lücke zwischen Profi- und Amateurfußball erneut zusammenschließen.

»Es gäbe keinen Anlass, sich zusammenzuschließen. Durch dieses Tal der Tränen müssen die Vereine durch. Außerdem kann ich eine Kluft im deutschen Fußball nicht ausmachen«, sagt Rainer Milkoreit durch das Schnarren der Freisprechanlage.

In Rathenow stellt sich Ingo Kahlisch den letzten Fragen der Medien. »Das Problem ist«, so der Trainer, »dass alle Vereine, die einmal in Liga 3 wollen, nicht über den eigenen Tellerrand hinausgucken, sich nur um sich selbst kümmern.« Der 56-Jährige will sich so langsam auf den Weg nach Hause machen. Einen letzten Satz möchte er aber noch loswerden: »Langfristig kann man unter diesen Bedingungen nur mit unserer Struktur arbeiten. Nämlich Arbeit, Studium und Amateurfußball zu verbinden.« Dann verabschiedet er sich und verlässt das Stadiongelände, dessen nun verwaister Gästeblock von den Anhängern des 1. FC Magdeburg mit vielen Stickern versehen wurde. Auch sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit im nächsten Jahr noch einmal wiederkommen. An den Wolzensee nach Rathenow. In die Regionalliga.