Realitätsverlust nach Saisonbeginn

Helden für einen Tag

Die ersten Spieltage einer neuen Saison sind die Zeit der Underdogs. Ein, zweimal in Folge gewinnen und die Welt von oben betrachten, herrlich. Und plötzlich steht Karlsruhe wieder mit einem Bein in Europa. Imago Um mal ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern: In den letzten Stunden, bevor eine Ausgabe der 11FREUNDE in Druck geht, agieren hier ziemlich viele Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Hektisch werden letzte Texte zusammen geschraubt und Seiten montiert, es wird geflucht und geweint und hysterisch gekichert, die Kaffeemaschine arbeitet auf Heavy Rotation, und wenn das nicht mehr hilft, kauft irgendwer eine Flasche Schnaps, um den Motor am Laufen zu halten. So war es auch neulich wieder, drei letzte verlorene Seelen bastelten am Cover, auf dem der Haarschopf des jungen Lothar Matthäus leider noch immer aussah wie der einer gerupften Ratte, derweil alle fünf Minuten die Druckerei aus dem fernen Stuttgart anrief und damit drohte, nun aber bald die Männer mit den dunklen Anzügen und den großen Pistolen zu schicken. Das konnte ihnen niemand verdenken, schließlich hatten wir für kurz nach Mittag die letzten Daten versprochen und nun stand bereits satt und rund Gevatter Mond am tiefdunklen Himmel.

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In dieser äußerst sensiblen Grundkonstellation begann ohne Vorwarnung der Terror, in Form eines ebenso ausdauernden wie sich permanent wiederholenden Telefonklingelns. Man muss dazu wissen, dass die 11-FREUNDE-Redaktion in zwei übereinander liegenden Altbauwohnungen beheimatet ist, die durch eine eng geschnittene Wendeltreppe miteinander verbunden sind, und während sich die drei verlorenen Seelen unten aufhielten, fand der Telefonterror im Obergeschoss statt. Eine Zeit lang ließ sich das Klingeln trefflich ignorieren, weil selbst in publikumsfreundlichen Redaktionen nach 21 Uhr niemand mehr ans Telefon gehen muss, es sich außerdem um den Praktikantenanschluss handelte und die Benutzung der Wendeltreppe nach zwei Calvados auf nüchternen Magen nicht zu empfehlen ist. Doch der Terror hörte nicht auf. RING. RING. RING. RING. RING. Immer wieder und immer wieder von neuem. Da ich gerade eh nichts besseres zu tun hatte, als Menschen, die versuchten, Lothar Matthäus eine ordentliche Frisur zu verpassen, über die Schulter zu schauen, verlor ich die Nerven. Ich sprintete wie – man kann schon sagen – eine besengte Sau die Wendeltreppe hoch, tastete mich in dem bereits vollständig abgedunkelten Stockwerk bis zum Praktikantenschreibtisch vor, warf mich bäuchlings drauf und erhaschte den Hörer. „Wer stört?“, bellte ich in den Hörer, doch es war nur ein Tuten zu hören. Aufgelegt.



Verbittert schlich ich nach unten und goss mir einen Calvados ein. Lothar Matthäus sah jetzt nicht mehr aus wie eine gerupfte Ratte, sondern als trüge er einen Helm, doch es ist immer wieder faszinierend, wie man sich fast jeden Menschen schön trinken kann. Was mir aber nicht aus dem Kopf gehen wollte, war dieses Klingeln. Was sollte das, um diese Zeit? Wollte sich jemand über ein Eselsohr bei seiner letzten Ausgabe beschweren? (Nicht lachen, ist alles schon vorgekommen!) Oder war da vielleicht ein Mensch in Not, die Schlaftabletten bereits genommen, und nun vor Schwäche gerade noch in der Lage, die Wahlwiederholungstaste zu drücken. In diesem Moment klingelte es erneut. Ich raste nach oben, wo ich – ganz Fuchs – das Licht hatte brennen lassen, griff in einem eleganten Hechtsprung zum Hörer und wollte mich gerade melden, als ich von einer Roboterstimme am anderen Ende der Leitung rüde unterbrochen wurde: „SIE HA-BEN EI-NE SMS-NACH-RICHT ER-HAL-TEN.“ Äh… wie bitte, doch die Stimme war noch nicht fertig: „IH-RE SMS-NACH-RICHT LAU-TET: UEFA-CUP.“

Ich verstand nicht und sollte auch erst am folgenden Montag verstehen, als der Zwischenfall im Kollegium zur Sprache kam, Praktikant Ries die Farbe eines alten französischen Rotweins annahm und etwas nuschelte, das klang wie: „Mein Vater.“ Wieso Vater? Worauf Ries berichtete, sein Erzeuger sei beim Spiel des Karlsruher SC gegen Hannover 96 gewesen und habe, euphorisiert vom Führungstreffer des KSC und dem Auswärtssieg in Nürnberg am Spieltag zuvor, gleich wieder glorreiche Europapokaltage auf den badischen Traditionsverein zukommen sehen, was er seinem Sohn auf dessen Dienstanschluss umgehend zur Kenntnis geben musste. Ich lächelte milde. Das Verhalten von Ries senior war mir selbst ja nicht unbekannt. Als Fan von Arminia Bielefeld kann ich bestätigen, dass es nichts Herrlicheres gibt als die ersten Spieltage einer noch unschuldigen Spielzeit. Ein, zweimal am Stück gewinnen, die Tabelle von oben betrachten und Meisterschalen aus Pappe hochhalten. Absteigen kann man später immer noch. Der August ist der Monat der unbegrenzten Möglichkeiten, wenn auch Anhänger von Underdog-Vereinen das Leben durch die rosarote Brille betrachten können, der arithmetischen Elastizität der noch jungen Tabelle sei Dank. Dass dies meist ein sehr flüchtiges Vergnügen ist, muss nicht extra erwähnt werden. Der Karlsruher SC, zum Beispiel, hat gegen Hannover 96 noch mit 1:2 verloren. Das Telefon hat aber an jenem Abend nicht noch einmal geklingelt. Welche Botschaft hätte Vater Ries denn auch senden sollen: „DOCH AB-STIEGS-KAMPF“? Nein, das macht keinen Spaß. Halten wir es lieber mit dem alten Herrn Bowie: „Wir waren Helden für einen Tag.“ Und sei es, dass der Tag nur 30 Minuten dauert.