Real und die schnellste Offensive der Welt

The Need for Speed

Kaka, Ronaldo, jetzt Benzema: Real Madrid ist im Begriff, sich die schnellste Offensive zuzulegen, die jemals über den Rasen stürmte. Bleibt die Frage, wie die Gegner sich zukünftig auf diese neue Form der Angriffswut einstellen. Real und die schnellste Offensive der Welt Die Gegner von Real Madrid werden in der kommenden Saison einer ganz besonderen taktischen Prüfung unterzogen werden. Wehe, den Superstars aus der spanischen Hauptstadt wird in der Defensivbewegung ein unnötig großer Freiraum geschaffen. Mit dem Ball am Fuß, den freien Raum vor Augen, sind sowohl Kaka und Christiano Ronaldo als auch der jüngste Neuzugang, der Franzose Karim Benzema, nur schwer einzuholen.

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Die drei Mittelfeld-Angreifer gehören zu den schnellsten Fußballern der Welt, dass sie darüber hinaus auch noch über eine exquisite Ballbehandlung verfügen macht sie auch zu den besten Fußballern der Gegenwart.

Bloß, wie können sich die Gegner entsprechend geschickt auf den monströsen Offensivdrang der Madrilenen einstellen? In Zeiten, da die Manndeckung spätestens ab der Bezirksliga als verpönt gilt, wird von den Defensivabteilungen eine enorme taktische Flexibilität verlangt. In der Rückwärtsbewegung gilt es einerseits den Bewegungsradius des Gegenspielers einzuschränken und andererseits den Raum abzuschirmen, der möglicherweise als Anspielstation dienen könnte.

Eine der aufregendsten Fummelkutten der Welt

Experten wie Philipp Lahm haben sich in den vergangenen Jahren in diesem Bereich zu einer Instanz entwickelt, solide ausgebildete Außenverteidiger und defensive Mittelfeldspieler sind in der jüngsten Vergangenheit nicht ohne Grund so positiv in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Was Kaka und Kollegen aber so besonders (und deshalb scheinbar auch so teuer) macht, ist die Tatsache, dass ihr Talent es ihnen ermöglicht, auch entgegen der üblichen Normen auf dem Platz zu handeln. Anders als beispielsweise das Chelsea-Duo Ballack und Lampard (die dafür ganz andere Qualitäten besitzen) ist Reals Offensivtrio durchaus in der Lage, in Eins-gegen-Eins-Situationen neuen Freiraum zu schaffen. Der Brasilianer Kaka schafft das durch seinen enormen Antritt, zuletzt bewiesen im Confed-Cup-Finale, als er seinen US-amerikanischen Gegenspieler mit einer winzigen Körpertäuschung in die falsche Richtung lockte und dann einfach auf und davon rannte. Weltfußballer Ronaldo ist, dass ist kein Geheimnis mehr, eine der aufregendsten Fummelkutten der Welt. Sein Repertoire an Finten und Kunststücken ist unerreicht. Benzema wiederum zeichnet sich durch einen unwiderstehlichen Drang zum Tor aus, den er mit seiner Athletik zumeist erfolgreich zu Ende bringen kann.

Reals Gegner müssen also äußerst flexibel handeln können, kommt die Madrider Lawine ins Rollen. Idealerweise beginnt die erfolgreiche Verteidigung bereits mit einem notorischen Pressing in des Gegners Hälfte. Über 90 Minuten ist die kraftzehrende Aufgabe aber kaum aufrecht zu erhalten.

Interessant wird es sein, wenn Real auf Gegner trifft, die nicht nur taktisch, sondern auch körperlich mithalten können. Mannschaften, die die Athletik-Truppe des FC Chelsea zum Vorbild haben und wenn nötig die eigene Hälfte in ein Minenfeld aus grätschenden Beinen und knüppelharten Zweikämpfern verwandeln.

Konter? Unwahrscheinlich.

Noch ein ganz anderes Problem kommt auf Madrid zu: Eigentlich ist Real in dieser Besetzung eine hervorragende Kontermannschaft. Bloß: in welcher Partie der Saison 2009/10 wird Real Madrid die Möglichkeit haben, über einen bestimmten Zeitraum zurückgezogen in der eigenen Hälfte auf Konter zu warten? Die Tendenz geht gegen Null.

Auf Trainer Manuel Pellegrini kommt eine ganz besondere Aufgabe zu. Wie man guten Fußball spielt, muss er diesen Spielern nicht mehr sagen. Ein Spieler wie Kaka verfügt schon längst über eine Spielintelligenz, die keiner Förderung mehr bedarf. Eher wird es Pellegrinis Job sein, die Startruppe bei Laune zu halten. Dirk Mankowski, der 2003 als Trainer vom Halleschen FC ein Praktikum unter Reals damaligen Trainer Vincente Del Bosque absolvierte und die erste Ära der »Galaktischen« begleitete, stößt ins gleiche Horn: »2003 standen Zidane und Figo auf dem Platz. Diesen Jungs muss kein Trainer der Welt mehr erzählen, wie Fußball funktioniert. Die muss man einfach so trainieren, dass sie die Lust am Spiel nicht verlieren.«

Ob der Chilene Pellegrini diese Fähigkeiten besitzt, muss er erst unter Beweis stellen. Bei seinen bisherigen Teams (u.a. River Plate, FC Villareal) musste er unter anderen Voraussetzungen arbeiten.

Und noch eine Schwachstelle scheint im Geldrausch des alten und neuen Real-Präsidenten Florentino Perez unbeachtet zu bleiben: die »Galaktischen« um Zidane und Co. holten 2002 nur deshalb die Champions League, weil mit Claude Makelele ein klassisches Arbeitstier hinter den ballverliebten Künstlern installiert war. Der robuste Franzose riss mehr Kilometer ab als jeder andere seiner Kollegen und stopfte die Löcher dort, wo allzu torhungrige Offensivspieler sie aufgerissen hatten. Als Makelele aus der Mannschaft entfernt wurde, war die Erfolgsgeschichte der Madrilenen beendet. Ob Lassana Diarra diesen Part in der runderneuerten Mannschaft übernehmen kann ist fraglich. Die Qualitäten eines Claude Makelele besitzt er aktuell jedenfalls noch nicht. Routinier Michel Salgado hat die Verfallsgrenze für solche Aufgaben bereits überschritten.

Noch sind nicht alle Baustellen bei Real Madrid besetzt, aber damit dürfte sich Florentino Perez bestens auskennen. Der Mannschaft hat seine Milliarden als Bauunternehmer gemacht.