Real Madrids erstes Mitglied ist tot

Das Leben ist erstaunlich kurz

Real Madrid hat zuletzt für etliche Superlative gesorgt – zumeist in monetärer Hinsicht. Den einzig wahren Rekord hielt Felix Perez Alvarez: Er war seit 86 Jahren Mitglied bei den Königlichen. Nun ist er gestorben. Ein Nachruf. Real Madrids erstes Mitglied ist tot Wie kommt es bloß, dass uns, als wir Kinder waren, die Jahre noch vorkamen wie Ozeane aus Zeit – und je älter wir werden, desto schneller rasen diese Jahre vorüber und schrumpfen in unserem Bewusstein zusammen auf zwei Silvestertage, die direkt aufeinander folgen? 

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Manche sagen, das liege an der Menge der Erinnerungen, die wir im Laufe unseres Lebens ansammeln. Sie werden mehr und mehr, und so bleibt der einzelnen immer weniger Platz, um sich in unserem Zeitgefühl auszudehnen. Die Erinnerungen, die neu hinzukommen, und mit ihnen die Jahre, die sich aus ihnen zusammensetzen – sie sind nurmehr Karteikarten, zusammengepfercht im riesigen Archiv der Existenz.

Die Jungen haben alle Zeit der Welt, den Alten rennt sie davon. Der Schriftsteller Franz Kafka hat dieses Phänomen in seiner Miniatur »Das nächste Dorf« einmal so beschrieben:  

Mein Großvater pflegte zu sagen: »Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, dass ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann, ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, dass – von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen – schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.«

Dass Felix Perez Alvarez' Leben glücklich war, wollen wir hoffen. Gewöhnlich war es nicht. Denn er hatte es einer launischen Geliebten verschrieben: Real Madrid.

Wie lang ist das her?

Im Alter von dreizehn Jahren wurde Alvarez Mitglied bei den Königlichen. Das war am 1. April 1923, in dem Jahr, als in England das Wembley-Stadion eröffnet wurde, die Konferenz über die von der Weimarer Republik zu leistenden Reparationszahlungen stattfand und Kemal Atatürk die Republik Türkei ausrief. Ereignisse, die uns ein Gefühl dafür geben, wie lang das her ist. Doch wirklich deutlich wird es erst, wenn man weiß: Felix Perez Alvarez war das erste Mitglied von Real Madrid überhaupt.

Er war es schon, als Alfredo di Stefano und Ferenc Puskás zur Welt kamen, und er war es immer noch, als diese beiden Magier in den 50er und 60er Jahren seinen Verein zum besten der Welt machten. Als Günter Netzer in Madrid anheuerte, war Alvarez schon über sechzig, und Bernd Schuster, der blonde Engel, der in den 80ern das Estadio Santiago Bernabéu mit seinen Diagonalpässen verzückte, hätte sein Enkel sein können.

Opa Alvarez erlebte 31 Meistertitel, zwölf Pokal- und elf Europacupsiege. Er selbst trug erst die silberne, dann die goldene und schließlich die brillantene Vereinsnadel – immer akkurat ins Revers gepiekt.  

Nun ist Felix Perez Alvarez, Real Madrids ältester Fan, im biblischen Alter von 99 Jahren gestorben. 86 davon hat er mit seinem Verein verbracht, 86 Jahre, die immer schneller vorübergingen. Die Galaktischen, Zidane, Beckham, Figo. Die neuen Galaktischen, Cristiano Ronaldo, Kaka, Benzema.

Und wo ist Ferenc Puskás? Der ist ihm schon längst vorausgegangen. Das Leben ist erstaunlich kurz. 

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