Real-Arbeiter Lassana Diarra

Klebstoff in der Galaxie

Real Madrid schmiedet an der zweiten Generation der »Galaktischen«. Doch Kaka und Co. brauchen einen Arbeiter wie Lassana Diarra hinter sich. Sonst stürzt der utopische Wolkenkratzer zusammen – wie damals, als Real Claude Makélélé fortjagte. Real-Arbeiter Lassana DiarraImago Erst kürzlich, anlässlich seines Karriereendes, hat Claude Makélélé ihn geadelt. »Jetzt ist die Zeit für meinen kleinen Lass gekommen. Dieser Junge hat eine große Zukunft vor sich und wird sogar ein höheres Level erreichen, als ich es je geschafft habe«, sagte der 69-fache französische Nationalspieler in einem Interview mit der spanischen Sportzeitschrift AS über Real Madrids defensiven Mittelfeldspieler Lassana Diarra.

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Für Viele gilt Diarra, der im Winter für 20 Millionen Euro vom FC Portsmouth zu den Königlichen wechselte, als legitimer Nachfolger Makélélés auf der Sechser-Position. Sowohl bei Madrid als auch in der französischen Nationalmannschaft. »Ich bin froh, dass er sich in Madrid so gut gemacht hat. Als er kam, wusste niemand, wer er ist, genau wie bei mir damals.« Inzwischen hat er sich einen Namen gemacht. Räumt ab, verteilt die Bälle im Mittelfeld und organisiert die Defensive. Wie Makélélé in seinen besten Zeiten. »Ich hoffe, dass Madrid mit ihm nicht den gleichen Fehler macht wie mit mir. Sie dürfen ihn nie gehen lassen.«

Nachtragende Worte der Warnung an Reals neuen, alten Präsidenten Florentino Pérez. Dass er Makélélé während seiner ersten Amtszeit im Sommer 2003 an den FC Chelsea verscherbelt hatte, hat dieser ihm anscheinend immer noch nicht verziehen. Es war wohl einer der größten Fehler des schwerreichen Baulöwen während seiner ersten Regentschaft bei den Königlichen.

Erfolgreiche Anfangsjahre unter Pérez

Nach seinem Amtsantritt im Jahr 2000 hatte Pérez den spanischen Hauptstadtklub in Windeseile wieder an die Spitze Europas geführt. Mit spektakulären Transfers (Zidane, Ronaldo, Luis Figo, Beckham, Robinho,...) kreierte er ein Team der Galaktischen, dass in den ersten Jahren unter seiner Führung nicht nur zwei Mal spanischer Meister wurde und hintereinander Champions League, Europäischen Supercup und Weltpokal abräumte.

Im Hintergrund klügelte der gewiefte Geschäftsmann außerdem eine Marketingstrategie mit den werbewirksamen Weltstars aus, die Madrid wieder an Manchester United vorbei zum umsatzstärksten Fußballclub der Welt aufsteigen ließ. Und ganz nebenbei entschuldete der Milliardär die Königlichen auf einen Schlag, als er das alte Vereinsgelände deutlich über Wert für 480 Millionen Euro verkaufte. Als Ersatz ließ er im Nordosten Madrids, in der Neubausiedlung Valdebebas, die »Ciudad Real Madrid« errichten, mit 120 Hektar das größte zusammenhängende Trainingsgelände der Welt. Nur das Größte für den größten Club der Welt.

Drei Jahre ohne Titel nach Makélélés Weggang

Sportlich ging es für Pérez und sein Real aber ab 2003 steil bergab. Drei dürre Jahre ohne Titel sollten folgen. Man hatte den schüchternen, schnauzbärtigen Trainer Vicente del Bosque und den altgedienten Kapitän Fernando Hierro gerade erst vom Hof gejagt, als Defensivmann Makélélé mit Unterstützung seiner Teamkollegen Zidane, Raul, McMananaman und Morientes um eine finanzielle Aufbesserung seines Vertrages bat. Für Pérez und seinen Fußballdirektor Jorge Valdano ein Affront, schließlich war der defensive Mittelfeldspieler nur ein Mann für die Drecksarbeit. Man verscherbelte ihn zum FC Chelsea und giftete hinterher: »Wir werden Makélélé nicht vermissen. Seine Technik ist durchschnittlich, es mangelt ihm an Geschwindigkeit und der Fähigkeit, einen Gegner auszuspielen, und 90 Prozent seiner Ballverteilung geht entweder nach hinten oder zur Seite. Er war kein Kopfballspieler und hat den Ball selten weiter als drei Meter gepasst. Es werden jüngere Spieler kommen, die Makélélé vergessen machen werden.«

»Er hat mich ziehen lassen, weil ich keine Trikots verkauft habe«, meint Makélélé rückblickend. Pérez kaufte immer nur Stars für die Offensive, die das Publikum begeistern konnten und die Merchandise- und Sponsoreneinnahmen in die Höhe trieben. Für die Defensive könne man doch günstige Spieler aus der eigenen Jugendabteilung einbauen, sagte er – der brave Francisco Pavon, der inzwischen bei Real Saragossa spielt, dient hier als Paradebeispiel.

Mit Makélélé ging aber die rechte Mischung in Madrids Spiel verloren. Die offensiven Feingeister hatten keine adäquate defensive Absicherung mehr. Zudem kamen die Stars ins Alter, wirkten müde und zerstritten. Namhafte Trainer wie José Antonio Camacho oder Vanderlei Luxemburgo konnten die vielen starken Charaktere nicht in dem Maße bändigen, wie del Bosque es zu seiner Zeit geschafft hatte. Im Februar 2006 nahm Florentino Pérez aufgrund der sportlichen Talfahrt als Präsident von Real seinen Hut.

Jetzt, gut drei Jahre später, ist er wieder da und umtriebig wie eh und je. 300 Millionen Euro will Pérez in neue Spieler investieren. Mit Kaka steht der erste Weltstar schon vor der Tür, Cristiano Ronaldo, David Villa und andere sollen folgen. Selbstverständlich stehen fast ausschließlich Offensivkräfte auf Pérez’ Einkaufsliste.

Diarra liebt die undankbare Rolle

Das Experiment könnte gut gehen, weil man seit kurzem ja wieder einen wie den lange Zeit schmerzlich vermissten Makélélé in den eigenen Reihen hat. »Als ich Lassana Diarra zum ersten Mal beim FC Chelsea kennengelernt habe, sagte ich ihm, dass wir auf einer sehr undankbaren Position spielen, weil uns niemand wahrnimmt«, erzählt Makélélé, »aber er liebt diese Rolle. Er ist sehr ehrgeizig und liebt den Konkurrenzkampf. Er ist ein sehr intelligenter Charakter.«

Lassana Diarra könnte ausgesprochen wertvoll für das neue Real Madrid werden. Auch wenn, oder vielleicht gerade weil er so unauffällig agiert und nur wenige Fans ein Trikot mit seinem Namen kaufen wollen. Er könnte der Kleber zwischen all den galaktischen Selbstdarstellern sein. Der Mörtel in Pérez’ utopischem Wolkenkratzer. Hauptsache, der Präsident weiß das auch.

Makélélé jedenfalls ist optimistisch und gibt sich sechs Jahre nach seinem unrühmlichen Abschied versöhnlich: »Pérez ist jemand, der weiß, wie man Dinge verändert. Er hat das Fachwissen, und er weiß, was das Beste für Madrids Zukunft ist.«