Rassismus bei den Schweden – und die Reaktion darauf

»Du Taliban!«

Schwedens Jimmy Durmaz verursachte einen Freistoß. Es folgte ein Shitstorm voller Geifer und alternativer Fakten, der enorme Zerstörung verursachte. Und Hoffnung säte.

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Jimmy Durmaz sollte sich dieser Tage an einen Rat seines Vaters erinnern. Der hatte ihn noch am Abend nach dem Deutschland-Spiel tröstend in den Arm genommen. »Früher sagte ich immer zu Jimmy und zu meinem anderen Sohn (Elias; d. Red.), dass sie den Fußball sprechen lassen sollten, wenn ihnen Ungerechtigkeiten widerfahren waren. Und davon widerfuhr ihnen in ihrer Kindheit eine ganze Menge. Es war ziemlich offensichtlich, dass die beiden von Trainern und Funktionären nicht immer so behandelt wurden wie andere, aufgrund ihrer Herkunft.«

Doch heute ist Jimmy Durmaz Nationalspieler. Einer, der immer alles gibt für sein Land. Deshalb holte er in der 94. Minute der Partie gegen Deutschland die Grätsche raus und hinderte Timo Werner am Eindringen in den Strafraum. Ein Foul mit Folgen. Den anschließenden ruhenden Ball verwandelte Toni Kroos sensationell zum 2:1-Siegtreffer. Und Jimmy Durmaz wusste, was er angerichtet hatte. Er hatte die Niederlage seiner Mannschaft verursacht – und vielleicht sogar deren Vorrunden-Aus. Doch mit dem feindseligen, rassistischen Shitstorm, der anschließend tobte, hatte er nicht gerechnet. Durmaz, dessen Familie aus der Türkei stammt, spielt doch für Schweden – für dieses weltoffene, tolerante Land, das Zlatan Ibrahimovic, Pippi Langstrumpf und Dr. Alban hervorgebracht hat.

»Durmaz kann zur Hölle fahren!«


Plötzlich aber giftete ein Stockholmer Restaurant-Betreiber in riesigen Lettern auf seiner Außentafel: »Durmaz kann zur Hölle fahren!« Und der wütende Mob im Web tippte sich die Finger wund: »Verräter!«, »Selbstmord-Attentäter!«, »Du Taliban!«, »Moslem-Hurensohn!«. Jimmy Durmaz weinte in dieser Nacht. Er konnte nicht schlafen. Und er konnte nicht begreifen, warum ihm diese Menschen so etwas antaten. Die Beschimpfungen und Drohungen, die ihm wie Dreck entgegengeschleudert wurden, taten weh. Und: Sie waren schlicht falsch. Denn Durmaz ist weder ein Verräter, noch ein Selbstmord-Attentäter, noch ein Taliban. Und schon gar kein Hurensohn.

Der Offensivspieler mit dem gut geölten Rauschebart ist übrigens auch kein Muslim. Jimmy Durmaz, der bis vor wenigen Jahre noch Jimmy Touma hieß, ehe er den Nachnamen des Vaters anstelle von jenem der Mutter annahm, ist ein gläubiger syrisch-aramäischer Christ. Seine Familie – und das macht diese Geschichte besonders tragisch – war einst vor tagtäglicher religiöser Diskriminierung aus der Ost-Türkei geflohen. Sie hoffte, dass ihre Kinder in einem besseren Land aufwachsen würden. Doch nun fragen sich viele Schweden: Wie viel besser sind wir eigentlich noch?

Die Niederlage gegen Deutschland? Das drohende Ausscheiden nach der Vorrunde? All das scheint auf einmal nebensächlich. Plötzlich ging es um mehr – das hatten selbst die Spieler realisiert: Forsberg & Co. posteten ein rührendes Video, in dem sich alle wie eine blau-gelbe Wand hinter Jimmy stellten – im buchstäblichen und im übertragenen Sinne: »Es gehört zu unserem Job, kritisiert zu werden, Tag für Tag«, sagt Durmaz in dem Clip. »Aber Teufel genannt zu werden oder Selbstmord-Attentäter und Beleidigungen gegen die Familie und meine Kinder sind völlig inakzeptabel. Ich bin Schwede und trage das Trikot und die Flagge mit Stolz. Wir sind vereint. Wir sind Schweden, oder Jungs?« Die Antwort der Kollegen fiel laut und deutlich aus: »Fuck Racism!« und donnernder Applaus.