Rapper Marteria über sein Leben mit Hansa Rostock

»Meine Mutter hatte Todesangst«


Du bist auch Stadiongänger. Wo hast du deine Fankarriere im Ostseestadion gestartet?
Wir hatten eine Dauerkarte für den Block B1. Ein Kurvenblock.

Das Spiel deines Lebens hast du aber nicht im Stadion gesehen. Erzähl doch mal...



Wie war es Anfang der Neunziger im Ostseestadion?

Nun, wir mussten ein paar Mal richtig rennen. Ich erinnere mich an ein Spiel gegen den BFC, bei dem die Berliner Fans unter dem Marathontor standen und jedem vorbeilaufenden Hansa-Fan die Faust ins Gesicht gedrückt haben. Meine Mutter hatte Todesangst um uns.

Wie hast du den Rassismus in der Kurve erlebt?
Als das richtig los ging, stand ich schon nicht mehr in der Kurve. Als Nachwuchsspieler war ich Balljunge.

Nervt es eigentlich, wenn du dich als Hansa-Fan andauernd rechtfertigen muss?
Klar, denn Hansa Rostock war nie der Arschloch-Verein, zu dem er in der Presse gerne gemacht wurde. Wir hatten viele tolle Spieler: Sergej Barbarez, Stefan Beinlich, Martin Groth, Oliver Neuville. Wir waren zweimal Sechster in der Bundesliga. Und wir haben auch coole Fans. Tausende fahren jedes Wochenende auswärts mit. Und ich finde auch nicht, dass wir die krasse Antipode zum FC St. Pauli sind. Nur leider will es niemand hören, wenn Hansa-Fans sagen: Auch wir lehnen Rassismus ab. Bestes Beispiel: Vor einiger Zeit wurde eine NPD-Fraktion aus dem Stadion gedrängt und die Fans schrien: »Nazis raus!« Ich hätte mir gewünscht, dass diese Aktion mal groß in der Presse behandelt wird. Doch das zieht in der »Bild« eben nicht.

Die Zeitung müsste sich widerlegen.
Klar, Stereotypen lassen sich leichter verkaufen. Deshalb muss der Rapper ein richtiger Gangster sein, der Hansa-Fan ein Nazi und der St.Pauli-Fan ein Punk. Ich will das auch gar nicht schönreden, natürlich gibt es bei Hansa auch 'ne Menge Idioten, doch die gibt es auch andernorts. Ich weiß jedenfalls noch, wie ich 1997 bei Schalke gegen Bielefeld im Stadion stand und um mich herum krakeelten die Hohlbratzen.

Du wohnst seit einigen Jahren in Berlin. Wie oft gehst du noch zu Hansa-Spielen?
Aus Zeitgründen nicht mehr so häufig. Ich besuche etwa vier Heim- und vier Auswärtsspiele pro Saison. Meine Mutter berichtet mir aber immer sehr ausführlich. Sie war auch letztens beim 7:2-Sieg gegen Unterhaching. Und was sie erzählte, fiel mir auch auf: Die Fans verstehen die 3. Liga als Neuanfang. Endlich sind alle Kurven vereint. Es ist kein Gegen- mehr – es ist ein Miteinander.

Sind Union oder Hertha Alternativen für dich?
Ich mag Union durchaus, finde den Klub sympathisch. Was mich etwas stört, ist der Hype um den Verein. Dasselbe gilt für St. Pauli. Grundsätzlich finde ich auch diesen Verein sympathisch, es gab sogar mal ein Spruchband von USP (Ultras Sankt Pauli, Anm.), auf dem stand: »Alle Rostocker sind scheiße – außer Marteria.« Das war natürlich cool für mich, aber ich würde damit nie vor meinen Hansa-Kollegen prahlen. Das Ding ist einfach:  Kult-Gerede jeder Art macht mich grundsätzlich skeptisch. Vielleicht liegt das auch daran, weil mein Klub verdammt unkultig ist.

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Musik von Marteria:
»Endboss«:
www.youtube.com/watch?v=0I5fqhEkaAc
»Verstrahlt«:
www.youtube.com/watch?v=2A_JQpzYZzQ
»Maradona Shirt«:
www.youtube.com/watch?v=vFRh7Prbh0w

HINWEIS: Das Interview wurde bereits im Juni 2010 geführt.