Rapper Marteria über sein Leben mit Hansa Rostock

»Benni Auer war der Beste«

Du bist in einer Plattenbausiedlung in Rostock-Lichtenhagen aufgewachsen. Wie viele Jungs träumten dort von einer Karriere bei Hansa?
Vermutlich alle. Es gab damals regelmäßig Sichtungen von Hansa. Die sahen dann so aus, dass alle lokalen Klubs aus den sechs Stadtteilen ihre Kinder zum Vorspielen schickten. Auf einem Feld kickten dann 40 Kinder – alle gleichzeitig. An der Seitenlinie notierten eifrige Nachwuchstrainer Dinge in ihre Blöcke. Am Rand krakeelten die überambitionierten Eltern ins Feld. Und meine Mutter verstand die Welt nicht mehr. »Wie sollen die denn da den besten Spieler finden?« fragte sie.

Eine berechtigte Frage.
Klar. Doch letztendlich war es recht einfach: Die Hansa-Trainer luden vor allem die Kinder ein, die nicht wie verrückt dem Ball hinterher rannten.

Bliebst du aus Faulheit im Hintergrund?
Nein. Ich hatte bis dahin immer mit Jungs von meinem Bruder gekickt. Der ist acht Jahre älter – von daher wusste ich zu dem Zeitpunkt der Sichtung schon ganz gut, wie man Fußball spielt.

Wie ambitioniert waren denn deine Eltern?
Sie waren zurückhaltend. Zum Glück. Vielleicht kam das daher, weil wir alle Sportler waren. Mein Vater spielte Handball, meine Mutter Volleyball, meine Schwester war Leichtathletin und mein Bruder auch Fußballer. Schlimm fand ich die Auswahlturniere, bei denen Eltern alleine durch ihre Anwesenheit unglaublichen Druck auf ihre Kinder ausübten. Ein Mitspieler von mir zitterte schon vor den Spielen. Jeder wusste: Schießt er ein Tor, geht sein Vater mit ihm zum Tennis oder zum Eismann. Versagt er, gibt’s richtig Ärger zu Hause.

Wie reagierten deine Eltern auf diesen omnipräsenten Leistungsdruck?
Einmal, nach einem Turnier in Hamburg, überlegte meine Mutter, ob sie mich wieder abmeldet. Dieses Turnier fand direkt nach der Wende statt, die Teilnehmer waren Belo Horizonte, Arsenal und Manchester United. Ein Wahnsinnsturnier! Wir haben Arsenal damals 4:1 weggehauen und das Turnier überraschend gewonnen. Wir kleinen Jungs aus Rostock. Als ich dann als Kapitän der Mannschaft den Pokal entgegennahm, fingen plötzlich alle Zuschauer an zu pfeifen. Erwachsene Menschen, Eltern von anderen Kindern, schrien: »Scheiß Ossis!« Ich weinte bitterlich. Und meine Mutter fragte sich ernsthaft, ob der Fußball und alles, was daran hing, wirklich so cool ist, wie es gemacht wurde.

In jenen Tagen konnte man als kleiner Junge aber gar nicht anders, als Fußball zu spielen. Deutschland wurde Weltmeister.
Wobei ich mich an dieses Turnier kaum noch erinnere. Ich weiß noch, dass wir alle gemeinsam um einen neuen Fernseher saßen. Und ich weiß auch, dass wir uns freuten, als Deutschland Weltmeister wurde – wenngleich ich im Argentinien-Trikot mit Maradona-Schriftzug durch die Gegend lief. Aber die richtige Begeisterung kam erst 1996, als Deutschland die Europameisterschaft gewann.

Gab es nach der Wende eigentlich den einen Tag, an dem du dir sagtest: »Marten, du packst das, du wirst Fußballprofi!«?
Es gab in den gesamten Neunzigern kaum einen anderen Gedanken. Ich war Kapitän in allen Jugendmannschaften, wir spielten gegen die großen Klubs Europas, ich wurde in die U-Auswahlmannschaften berufen, Klaus Sammer lobte mich und an einem Tag trainierten wir unter Dixie Dörner, dann mit Erich Rutemöller, später unter Horst Hrubesch. Ich dachte die ganze Zeit nur: »Krass, du spielst dein liebstes Hobby auf so hohem Niveau und bald verdienst du damit dein Geld.«

Und nebenbei bist du in die Schule gegangen?
Ich war in der Sportförderschule, von 7:30 bis 9 Uhr war Training. Danach ging es in die Schule. Ich bin allerdings vor dem Abitur abgegangen und habe eine Ausbildung als Industriekaufmann angefangen. Das war auch so ein seltsame Erfahrung: Ich lernte bei der Firma Elbo, dem damaligen Sponsor von Hansa Rostock. Dort stellte ich mich bei Manfred Scharon vor, der in den Siebzigern bei Hansa gespielt hatte. Eine Legende! In der Kantine wurde nicht über den Job oder meine Lernfortschritte geredet, sondern die Chefs knufften mir in den Bauch: »Na, Marten, wie lief das Spiel?« Alles lief wie von selbst – und trotzdem oder gerade deshalb brach ich die Ausbildung nach vier Monaten ab.

Wenn du dir die Karriere von Benjamin Auer, dem einstigen Supertalent deiner Generatios, anschaust: War es nicht die richtige Entscheidung, etwas anderes zu machen?
Schwer zu sagen. Ich spielte zwar stets auf hohem Niveau, wurde aber nicht so abgefeiert wie Benni Auer oder auch Marco Vorbeck. Das lag auch daran, dass ich in der Viererkette rechts spielte. Vielleicht wäre das später mein Vorteil gewesen. Im Gegensatz dazu haben Marco oder Benni in der Jugend so unfassbar gut gespielt – sie waren stets für alle sichtbar. Marco hat bei uns in jedem Spiel vier Buden gemacht, von Benni sagte jeder Nachwuchstrainer, er wäre der nächste Bayern-Star und Kapitän der Nationalmannschaft. Und heute spielt er bei Aachen in der 2. Liga. Klar, er ist ein gestandener Profi, doch ich weiß nicht, ob er nicht auch insgeheim gehofft hat, dass da mehr geht. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er zufrieden ist. Ich wäre es auf jeden Fall nicht.

Hast du schon während deiner Zeit bei Hansa mit HipHop angefangen?

Los ging es mit 14 oder 15. Mein Bruder spielte mir die ersten Sachen vor, dann kamen Beat Street, Wildstyle, Stylewars, das ganze Programm. Mein Bruder war schon während der Achtziger infiziert. Er tauschte Tapes und hörte HipHop-Sendungen auf Piratensendern. Mich faszinierte am Anfang auch dieses Außenseiterding. Gerade in Rostock warst du als HipHopper mit Baggy-Pants und selbstgemalten Wu-Tang-Pullis ein Exot. Ich musste mir beim Training natürlich eine Menge anhören: »Da kommt der Junge mit der Bombenlegerhose.« Aber ich fand’s super. Irgendwann hatten wir auch eine kleine Hansa-Clique, in der Kabine freestylten wir, vor dem Spiel machten wir einen Kreis und zitieren Raps von Dilated Peoples.