Rafael Benitez über Liverpool-Milan

»Für uns. Für die Stadt. Für die Geschichte«

Vor allem Dietmar Hamann, der alte Routinier, hätte mich natürlich sofort durchschaut. Ich brachte ihn für den angeschlagenen Steve Finnan in Spiel. Didi war damals schon ein Opa, er hatte keine Puste mehr für eine ganze Saison. Aber für diesen einen großen Auftritt pro Jahr war er immer noch gut. Ich wusste, dass dieser Moment nun gekommen war. Und ich hatte recht: Didi hat dieses Spiel mitentschieden, nicht nur weil er später den ersten Elfmeter verwandelte. Wie er die Bälle eroberte und verteilte! Oh, Didi! Ich denke so gern an ihn zurück.

Innerhalb von sechs Minuten glichen Steven Gerrard, unser fantastischer Kapitän, Vladimir Smicer und Xabi Alonso das Spiel aus. 3:3! All das, was in dieser magischen zweiten Halbzeit geschah, lief vor mir ab wie ein Film. Ein spannender Film, auf den man sich total konzentriert. Ich bin da ein bisschen wie ihr Deutschen: immer etwas distanziert, beobachtend, analytisch. Andernfalls wäre ich wahrscheinlich umgekippt. Allein der letzte Elfmeter von Schewtschenko, den Dudek zu unserem großen Glück parierte: Wie in diesem Moment die Welt in zwei Teile zerbrach, in Freud und Leid – das gibt es nur im Fußball. In den Sekunden vor einem solchen Moment merkst du, dass du lebst. Und musst es genießen, egal, was als nächstes geschieht. Schewtschenko lief an, und mein Geist öffnete sich für alles, was möglich war. Mehr kann ein Mensch nicht empfinden.

Womit ich nicht die Emotionen relativieren will, die uns auf bei unserer Rückkehr nach Liverpool entgegenschlugen: Als ich vom Bus aus die abertausenden von Fans sah, die die Straßen säumten, wurde mir – Distanz hin, Distanz her – doch für einen kurzen Moment schwindelig. Da wurde mir klar, dass wir etwas Historisches geschaffen hatten. Für uns. Für die Stadt. Für die Geschichte des Fußballs.