Rafael Benitez huldigt Steven Gerrard

Meisterwerke der Leidenschaft

Steven Gerrard verlässt den Liverpool FC zum Saisonende. Der Verein verliert nicht nur seinen Kapitän, meint sein ehemaliger Trainer Rafael Benitez: »Er verliert sein Herz.« Hier sagt er Lebewohl.

imago
Heft: #
159

Steven Gerrard war mein Kapitän. Er war unser aller Kapitän. Das Herz des Liverpool FC.

Ich erinnere mich noch gut an das erste Zusammentreffen mit ihm, es war im Juni 2004, am Tag meines Amtsantritts beim Liverpool FC. Ich hatte mich mit Steven, Jamie Carragher und Michael Owen verabredet, den Merseyboys des Klubs, um mit ihnen über gemeinsame Ziele zu sprechen. Wohin wollen wir? Wie wollen wir dorthin gelangen? Ich fragte sie, was sie der Mannschaft geben könnten. Und Steven sagte: »Leidenschaft.« Er sagte es, als wäre es sein zweiter Vorname.

Er gab immer alles, und niemand wollte weniger geben

Es gab kein Spiel in unseren sechs gemeinsamen Jahren beim LFC, das er nicht mit dieser für ihn so typischen Leidenschaft bestritten hätte. Er war ein Anführer, ein leuchtendes Beispiel für alle um ihn herum. Durch seine pure Präsenz hob er die Mannschaft auf ein höheres Niveau. Er weigerte sich, Niederlagen anzuerkennen, solange das Spiel noch lief. Für seine Mitspieler war es deshalb unmöglich, sich hängen zu lassen. Er gab immer alles, und niemand wollte weniger geben.

Während andere sich schon zu ihren aktiven Zeiten im Ruhm sonnen, war Steven das Erreichte nie genug. Unmittelbar nach dem Sieg im Champions-League-Finale 2005 gegen den AC Mailand, dem Wunder von Istanbul, das ohne seinen unbändigen Willen niemals möglich gewesen wäre, sagte er zu mir: »Trainer, machen Sie aus mir den besten Mittelfeldspieler der Welt!« Ich sagte: »Heute fangen wir noch nicht damit an, Steven. Aber gleich morgen.«

Ich machte ihn zum attacking midfielder

Es war keine leichte Aufgabe. Ich wusste, dass ich kaum mehr aus ihm herausholen konnte, denn er spielte ja schon am mentalen und physischen Maximum. Aber ich fand heraus, dass er bis dahin nicht auf der für ihn idealen Position gespielt hatte. Als box-to-box-midfielder rieb er sich zu sehr in Zweikämpfen auf und vergeudete seine unvergleichliche Dynamik. Ich mag es zwar, wenn jemand sich in der Defensive engagiert, aber Steven war ein Ein-Mann-Sturm, der, wenn er erst einmal entfesselt war, gegnerische Mannschaften ganz allein hinfortfegen konnte. Also stellte ich ihn von der Zentrale auf die rechte Seite, als attacking midfielder. Im Zusammenspiel mit Fernando Torres, der 2007 von Atletico Madrid zum LFC kam, näherte er sich dann seinem Ziel an: Für ein paar Jahre gehörte er zu den torgefährlichsten, spektakulärsten Mittelfeldspielern der Welt.