Psychologe Brand erklärt die Fußballwelt

Was ist ein Führungsspieler?

Jens Lehmann hat in einem »Spiegel«-Interview die DFB-Führungsspieler kritisiert. Doch was ist ein Führungsspieler? Was er mitbringen muss und woran man ihn erkennt, erklärt uns Diplom-Psychologe Markus Brand. Psychologe Brand erklärt die Fußballweltimago images
Es gibt zwei Arten von Führungsspielern. Der eine setzt das um, was der Trainer von ihm erwartet. Er ist der verlängerte Arm des Trainers. Psychologisch betrachtet, hat der Spieler kein hohes Bedürfnis nach Macht, Verantwortungsübernahme, Entscheidungsfreudigkeit oder Ähnlichem. Er zieht Befriedigung daraus, für andere da zu sein, z. B. seinen Trainer, seine Mitspieler etc. Bekanntes Beispiel war jahrelang Andreas Möller, Kapitän bei Frankfurt, Dortmund und in der Nationalelf, ohne dass eine erkennbare Übernahme von Verantwortung auf dem Platz sichtbar war.

[ad]

Die zweite Art Führungsspieler hat ein hohes Streben nach Macht. Diese Profis wollen Leistung der Leistung halber bringen. Auf dem Platz geben sie die Richtung vor, treffen eigene Entscheidungen und stellen sich damit in den Mittelpunkt. Ein typisches Beispiel war der Gladbacher Günter Netzer, der sich selbst im Pokalfinale 1973 gegen den 1. FC Köln einwechselt. Ein Trainer sollte diese Art Kapitän wählen, wenn er einen selbständig denkenden und entscheidenden Partner auf dem Platz braucht, der etwa in Krisen selbst wählt, handelt und damit sein Mitspieler führt.

Michael Ballack glaubt, führen zu wollen

Der von Jens Lehman subtil kritisierte Michael Ballack ist in der damaligen DDR aufgewachsen. Er hat eine andere Sozialisation hinter sich. Dort wurde Führung häufig zu eigenen Zwecken ausgenutzt, mit Dominanz ausgelegt, und das hat ihm als eher rücksichtsvollen Menschen vermutlich widersprochen, wenn nicht angeekelt. Auch heute glaube ich eher, dass er nicht wirklich von innen heraus führen will, sondern glaubt, es zu wollen. Weil der Trainer, die Fans, die Gesellschaft es auch heute noch von einem Spielmacher und dem fußballerisch Besten erwarten. Ich glaube, er wäre erleichtert, wenn er die Binde nicht am Arm haben müsste, wohl aber eine besondere Rolle übernehmen dürfte und das Vertrauen des Trainers, Mitspieler, der Medien spüren würde. Sein innerer Wunsch, Verantwortung für andere zu übernehmen, ist vermutlich nicht überdurchschnittlich ausgeprägt.

Sein Vorgänger Oliver Kahn ist sehr leistungsgetrieben, weniger machtgetrieben. Doch wenn das Tragen der Binde dazu führt, die komplette Mannschaft zu mehr Leistung zu bringen, dann hat er diese Aufgabe angenommen. Das Ziel war immer das wichtigste für ihn, da ist dann der Weg über dieses Amt auch okay. Das kann eine gesunde Grundlage für das Kapitänsamt sein, doch birgt es auch Gefahren.

Jens Lehmann selbst hat auch Führungsqualitäten. Er macht den Mund auf, geht Risiken ein und spielt konstant gut. Doch ob er wirklich am Wohlergehen seiner Mitspieler interessiert ist lässt sich aus der Ferne schwer beantworten. Es wirkt auf mich nicht immer so. Vieles dreht sich um ihn und seine Familie.

Als das Thema Psychologie im Fußball noch weniger Berücksichtigung fand, war es für den Trainer vermeintlich einfacher, einen Führungsspieler zu benennen: Der beste Spieler wurde Kapitän. Blickt man auf die letzten Dekaden zurück, waren häufig die Zehner (Maradona, Balakov, Matthäus etc) oder der Libero (Beckenbauer, Augenthaler, Sammer etc.) Mannschaftsführer. Doch das ist heute und war früher schon unsinnig. Nur weil ein Spieler gut den Ball führen kann, muss er nicht gut Menschen führen können.

Doch noch mehr als im Sport wird noch heute in der Wirtschaft dieser Fehler begangen. Ein Beispiel: Der beste Verkäufer wird Verkaufsleiter – ein Maßnahme, hinter der falsche Überlegungen stecken. Besonders häufig kommt es dann auch vor, dass er nicht mal durch Coaching oder Training unterstützt wird. Doch bevor das Management diesen Fehler entdeckt, ist die Führungskraft demotiviert (oder bereits weg), der Kunde hat seinen vertrauten Verkäufer verloren, und die Verkäufermannschaft dümpelt führungslos und damit häufig ziellos vor sich hin.

Um solche Fehlentwicklungen zu vermeiden, ist auch im Fußball Kommunikation unerlässlich. Die frische Trainergeneration wie Klopp, Rangnick, Slomka, Hecking hat das erkannt. Sie weiß, dass Kommunikation Motivation erzeugen kann.

Auch sich selbst zu hinterfragen, ist unerlässlich, wenn man nicht in eine Abwärtsspirale geraten will. Ein Profi darf durchaus selbstkritisch sein, sollte dieses aber nicht unbedingt die Medien wissen lassen. Nach innen, im Kreise der Vertrauten, hilft es sogar, sich selbst, seine Leistungen, seine Werte zu hinterfragen, um anschließend mit klaren Antworten aus dem Prozess gestärkt hervorzugehen. Doch die Medien sehen diesen Prozess nicht, sie sehen den einzelnen Augenblick. Und dieser kann dann schwach wirken und doch das Gegenteil sein. Damit wir Selbstkritik gefährlich und deshalb häufig vermieden.

In der Wirtschaft sehen wir das, seit es so viele börsennotierte Unternehmen gibt. Die Shareholder, Aktionäre und Banken würdigen selten einen reflektionsgetriebenen Orientierungsprozess. Sie wollen gute Zahlen, jedes Jahr, jedes Quartal. Das ist kurzsichtig und damit langfristig der frühere Niedergang. Es liegt der Fokus auf dem Dringenden und dabei wird das Wichtige übergangen.

---------

Markus Brand ist Sport- und Managementpsychologe und leitet das »Institut für Lebensmotive« in Köln.