Pro und Contra: Riesen-Champions-League

Theo, wir fahr'n nach Cluj!

32 Mannschaften nehmen derzeit an der Champions League teil, darunter so illustre Kandidaten wie Cluj, Zilina, Kazan und Bursa. Ist das zuviel und macht den Wettbewerb zäh? Oder ein schillerndes Abbild des neuen Europa? Pro und Contra: Riesen-Champions-LeagueImago PRO

Die perfekte Fußballwelt sieht aus wie eine Party von »Ferrero Raffaello«. Alles schimmert weiß, nur der Himmel strahlt hellblau, im Hintergrund haben Diener ein paar Schwäne oder Fasane als Deko drapiert, und Helikopter bringen die ewig grinsenden Gäste aus ihrem ewig grinsenden Leben direkt an den Rasenplatz. Dort treten die besten und profitabelsten 16 Mannschaften aus Europa gegeneinander an: Je drei Teams aus England, Spanien und Italien, dazu je zwei aus Deutschland und Frankreich und je eins aus den Niederlanden, Portugal und Russland.

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Was dem gemeinen Fußballfan den sportlich attraktivsten Wettbewerb suggeriert, zeigt in Wahrheit eine elitäre und snobistische Zusammenkunft, die niemand so richtig greifen kann – und die trotzdem jedes Geheimnisses entbehrt. Sie ist sauber und glatt, und sie ist ausrechenbar – nicht im Ergebnis, doch aber in ihrer Qualität. Sie ist wie ein digitales Phänomen, wie Nullen und Einsen, wie ein volkstümlicher Landstrich, das von jedweder fremder oder bunter Kultur gereinigt wurde. Und irgendwann wirkt sie wie das Programm eines großen Radiosenders, der jeden Tag die selben Hits nudelt – ohne Ecken, ohne Kanten, ohne Fehler.

Es ist das Abbild des Fußballs, wie er von den Verbandsoberen gewünscht wird. In Etagen, wo dem Charme des Unperfekten und der Improvisation mit schallendem Gelächter entgegnet wird. Hier wird alles gleichgezogen, modelliert und entworfen wie auf einem Reißbrett, hier wird es ungebrochen gut geheißen, dass auf den Treppenstufen der Stehkurve keine Grasbüschel mehr wachsen, in der Halbzeitshow keine Jahrmarktbands mehr auftreten, Fußball kein Working-Class-Sport mehr ist, in jeder Ecke des Stadions ein Firmenlogo prangt, der Videowürfel keine verpixelten Grafiken mehr anzeigt, das Fernsehbild im heimischen Wohnzimmer nicht mehr flimmert, sondert gestochen scharf in HD oder gar dreidimensional sendet.

Die pure Vernunft hat nicht gesiegt

Das Spiel des Fußballs indes war – wenngleich es sich in den letzten zwei Jahrzehnten anschickte, das Moment des Zufalls zu minimieren – nie perfekt. Es lebte auch in der Champions League davon, dass ein Spieler wie Messi mal mit dem falschen Bein aufstand, dass CFR Cluj beim AS Rom 2:1 gewann, Bate Baryssau Juventus Turin beinahe aus dem Stadion schoss, Maccabi Haifa Englands Meister Manchester United mit 3:0 besiegte oder dass sich Kuusysi Lahti 1986 ins Viertelfinale des Landesmeister-Pokals spielte. Es waren keine Epen, die hier auf dem Platz erzählt wurden. Vielmehr waren es kleine Geschichten, aus denen Mythen und Räume erwuchsen, in denen man zumindest die vage Hoffnung hatte, dass die pure (ökonomische) Vernunft der Fußballmoderne noch nicht gesiegt hat.

Und auch wenn das hier nach romantischer Verklärung klingt: Eine Partie im Estádio Municipal de Braga, wo das Team von Sporting Brago vor einem Felsmassiv spielt, lässt nach 90 Minuten immerhin das Gefühl zurück, dass es eine Fußballwelt gibt, die anders aussieht als Raffaello.


CONTRA

Eine Bulette in Zilina, ein schwarzer Kaffee in Cluj, ein Eibrötchen in Kazan, noch'n Kaffee in Bursa – was klingt wie die Ruhepausen eines LKW-Fahrers auf seiner Route durch die europäische Freihandelszone, ist in Wahrheit ein Auszug aus dem Spielplan der Champions League. So finster und lang wie die Herbstnächte des einsamen Truckers werden auch unsere Fernsehabende sein: 96 Spiele stehen allein in der Vorrunde an, darunter eben jenes Zilina gegen Spartak Moskau am Mittwoch, dem 8. Dezember, oder Cluj gegen Basel am selben Tag. Es schneit, der Ball ist rheumarot, die Spieler tragen Strumpfhosen. Nur einen Platten auf einem bulgarischen Forstweg zu haben ist schöner.

Cluj – zero points

Europa wächst und wächst zusammen, das ist begrüßenswert. Nicht begrüßenswert ist allerdings die inflationäre Aufblähung der Champions League zu einem Wettbewerb, bei der für die Hälfte aller Teilnehmer Dabeisein alles ist. Alles, wirklich alles, denn mehr ist für sie nicht drin. Sie beginnen mit nichts, und nach sechs Partien haben sie von diesem Nichts immer noch eine Menge übrig.

Das liest sich dann so: Cluj, Zilina, Kazan, Bursa – zero points. Dürfte ihnen bekannt vorkommen, vom European Song Contest, jenem anderen Turnier, das schon heute eine Beliebigkeit verkörpert, der die Champions League seit Jahren entgegen trudelt.

Höchste Zeit, in den Winterschlaf zu gehen

Erst im anbrechenden Frühjahr wird sie dem Titel endlich gerecht, unter dem sie so dröhnend vermarktet wird. Erst dann ist sie die »Königsklasse«: Manchester United trifft auf den FC Barcelona, Inter Mailand auf den FC Porto, Bayern München, wie immer eigentlich, auf Olympique Lyon. Champions gegen Champions.

Spiele, die – zugegeben – auch nicht immer königlich sind, die aber einen mythischen Resonanzkörper besitzen, der wenigstens das Vorgefühl in Wallung bringt: Hier treten nicht nur die aktuellen Mannschaften gegeneinander an, hier messen sich auch immer auch ihre Vorväter, Pokalvitrinen werden verglichen wie primäre Geschlechtsorgane. Herrliche Macho-Spiele sind das, man schaut wollüstig auf diese Partien, man verzeiht ihnen jede Zähigkeit, Nullzunulls heißen ab Februar »Thriller«.

Anders im Herbst, der Jahreszeit der kachektischen Underdogs. Dieser Herbst! Er ist eh viel zu lang, warum also wird er von der UEFA zwanghaft verlängert? Sekundenzeiger bewegen sich rückwärts, Laub fällt in die Teiche Europas, Igel schleichen verhungernd um die 32 Stadien – höchste Zeit, in den Winterschlaf zu gehen.

Bis die Champions League aus 16 Mannschaften besteht. Bis ihre Hymne wieder klingt wie eine Händel-Komposition. Und nicht wie Rumäniens Beitrag zum European Song Contest (zero points).