Presseschau nach dem Halbfinale

Die UEFA-Verschwörung

Nach dem dramatischen Halbfinale zwischen dem FC Chelsea und dem FC Barcelona: Wie die britische Presse von »Times« bis »Sun« das turbulente Spiel, die Darbietung des Schiedsrichters und den Auftritt Michael Ballacks sah. Presseschau nach dem HalbfinaleImago Am Ende hat er sich seine gelbe Karte doch noch abgeholt – und damit die Sperre für das Finale. Doch dieses Finale war Michael Ballack in dem Moment ohnehin schon entglitten. In der Nachspielzeit hatte Andres Iniesta das so wichtige Auswärtstor zum 1:1 für den FC Barcelona geschossen und nach dem 0:0 im Hinspiel damit den Einzug ins Endspiel der Champions League gesichert.

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Doch es hatte ja sogar danach noch eine Chance für Chelsea gegeben – durch einen harten Schuss von ebenjenem Michael Ballack. »Samuel Eto'o hob seine Arme und blockierte Ballack«, so beschrieb das Massenblatt »Daily Mail« die folgende Szene, die in der Presse auf der Insel neben vielen anderen Entscheidungen des norwegischen Schiedsrichters Henning Ovrebo breit diskutiert wurde. »Vier mal hatte Chelsea berechtigte Forderungen nach einem Elfmeter und viermal weigerte sich Ovrebo, auf den Punkt zu zeigen«, schrieb die »Daily Mail«. Ballack jedenfalls protestierte wütend beim Schiedsrichter. Der Kapitän der deutschen Nationalelf kreiselte um den Schiedsrichter herum und schrie ihn an. Ovrebo reagierte mit Gelb.

»Es ist das Schlechteste, was ich mir je angeschaut habe«

Der »Daily Telegraph« zitierte Chelseas holländischen Trainer Guus Hiddink mit für ihn ungewöhnlich harscher Kritik am Schiedsrichter und am europäischen Fußball-Verband Uefa: Für ein derart wichtiges Spiel dürfe man keinen Schiedsrichter aus der norwegischen Liga ansetzen. »Es ist das Schlechteste, was ich mir je angeschaut habe«, soll Hiddink laut »Telegraph« gesagt haben. Seiner Mannschaft seien mehrere Elfmeter vorenthalten worden.

Verschwörung ist ein hartes Wort

Als ein Journalist des britischen Senders »Sky« Hiddink nach dem Spiel fragte, ob die Uefa wohl kein weiteres Finale zwischen den beiden englischen Teams Chelsea und Manchester United gewollt habe, sagte Hiddink: »Das kann man nie beweisen. So etwas wird aus der Emotion heraus gesagt.« Verschwörung sei ein hartes Wort und man müsse so etwas beweisen. »Ich würde dieses harte Wort nicht benutzen.«

Fairerweise verwies Hiddink auf die nicht genutzten Torchancen seiner Elf, die den Einzug ins Finale vor allem deshalb nicht geschafft habe. Aber die »drei oder vier« Strafraum-Situation, die er sich nach dem Spiel in aller Ruhe auf Video angeschaut habe, würden schon auch ihn ins Grübeln bringen.

Die »Sun« war da schon über das Grübeln hinaus: »Das Gefühl war, dass die Uefa nicht zum zweiten Mal hintereinander zwei englische Teams in ihrem Prestige-Finale haben wollte«, schrieb das Boulevard-Blatt.

Der Kummer des Michael Ballack


Reklamierende Spieler sind auf der Insel fast genauso ungern gesehen wie Elfmeterschinder. Ballacks wütende Proteste wurden wohl nur deshalb in der britischen Presse nicht stärker kritisiert, weil sich Mannschaftskamerad Didier Drogba noch mehr danebenbenahm. Der Stürmer von der Elfenbeinküste wirkte nach Spielende, als wolle er dem Schiedsrichter an den Kragen. Die Augen weit aufgerissen, zeigte er immer wieder mit dem Finger auf Ovrebo und redete auf ihn ein. Dann lief er zu einer Fernsehkamera und brüllte wüste Beschimpfungen hinein.

Britische Medien rechnen nun mit einer längeren Sperre für Drogba - und womöglich auch für Ballack. Beide seien »beim Ausdruck ihres Kummers zu weit gegangen«, schrieb die »Times«. Und beide würden wohl deshalb noch von der Uefa hören.

Ballack als »imposante Erscheinung«

Die »Daily Mail« lobte Trainer Hiddink für seine taktische Idee, Michael Essien und Michael Ballack im Mittelfeld die Plätze tauschen zu lassen. Denn der sonst defensivere Essien spielte stark nach vorn und schoss das 1:0, während der »ältere, weniger mobile Ballack« der Viererkette des FC Chelsea durch seine «imposante Erscheinung« Sicherheit verlieh.

Dass er angeblich »weniger mobil« sei, widerlegte Ballack allerdings einmal mehr mit Statistik: Mehr als zwölf Kilometer lief er an diesem Abend – viele davon allerdings ohne Ball und deshalb weniger auffällig, eine von Ballacks Stärken, die nicht nur von britischen Beobachtern oft übersehen werden.

Gebracht hat es Michael Ballack einmal mehr nichts. Auch diese Saison beendet der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft ohne den ersehnten internationalen Titel.