Portos gescheiterter Großmeister Quaresma

Der unzähmbare Mustang

Einst galt Portos Ricardo Quaresma als größeres Talent als Cristiano Ronaldo. Von einem, der auszog, um seine Karriere wegzuwerfen.

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Diesmal sollte also Ricardo Quaresma den Spott ernten. Und so bekam der damalige Inter-Spieler 2008 einen Mülleimer aus Kunstgold verliehen – mit dem »Bidone d’oro« zeichneten die Hörer des Radiosenders »Rai 2« bis 2012 jährlich den schlechtesten Spieler der Serie A aus.

Im selben Jahr gravierte ein Goldschmied den Namen eines alten Weggefährten von Quaresma in den Sockel des goldgebadeten Originals. Cristiano Ronaldo erhielt 2008 den »Ballon d’Or« als bester Spieler der Welt. Zeitgleich waren die beiden nach der Saison 2002/03 von Sporting Lissabon losgezogen, um zu Stars zu werden. Geschafft hat es Ronaldo. Dabei galt eigentlich Quaresma als das größere Talent.

Als Cristiano Ronaldo 2003 nach nur einer Saison im zarten Alter von 18 Jahren zu Manchester United wechselte und der um ein Jahr ältere Quaresma vom FC Barcelona verpflichtet wurde, waren sich die Lissabon-Fans einig: Die beiden trennen allenfalls Nuancen. Und wenn überhaupt, dann sei Quaresma der Bessere. Er trug bei Sporting das Trikot mit der Nummer 7. Denn er war es, der als neuer Luis Figo gehandelt wurde. Und er wechselte zu dem Klub, bei dem Figo einst der große Durchbruch gelungen war. »Quaresma hat die Qualitäten, um sich überall durchzusetzen«, so die Sporting-Ikone über seinen vermeintlichen Nachfolger. Ronaldo stand mit der Nummer 11 in der Mannschaftshierarchie unter dem Mann, den Trainer Laszlo Bölöni »Mustang« nannte. Ein energischer, aber zugleich auch unbeherrschbarer Charakter.

»Der Trainer schenkt mir kein Vertrauen«

Beim FC Barcelona erwartete Frank Rijkaard von seinem Rechtsaußen, dass er genau dort spielte. Doch Quaresma verweigerte sich dem taktischen Korsett und zog wie bei seinem alten Verein regelmäßig in die Mitte. Die Folge: eine turbulente Spieler-Trainer-Beziehung. Nach einer ernüchternden Saison, in der Quaresma in 22 Spielen nur ein Tor schoss, platzte dem freigeistigen Jungspund die Hutschnur: »Mir wurde bei meinem Wechsel versprochen, dass ich die gleiche Rolle ausfüllen werde wie bei Sporting. Ich habe in dieser Spielzeit weder Chancen bekommen noch schenkt mir der Trainer sein Vertrauen.« Er forderte seine Freigabe, drohte mit Streik, sollte Rijkaard nicht entlassen werden.

Selbstverständlich blieb Rijkaard. Quaresma musste gehen. Heute sagt er über diese Zeit: »Ich habe an mir gezweifelt. Ich habe in den Spiegel geschaut und mich gefragt, ob ich gut genug bin, überhaupt Fußball zu spielen.« Eine Aussage, die zeigt: Quaresma neigt viel mehr zu sensiblen Impulshandlungen als zu Starallüren.

2004 bekam Quaresma im Alter von 20 Jahren wieder die Chance, in vertrautem Umfeld zu spielen. Der FC Porto holte ihn zurück in die Heimat. Und sofort stellte er sein Talent unter Beweis. Bei seinem ersten Einsatz, im UEFA-Supercup gegen den FC Valencia, tanzte Quaresma wenige Minuten nach seiner Einwechslung seinen Gegenspieler mit einem Hackentrick aus und schlenzte den Ball aus dreißig Metern unhaltbar für Santiago Canizares in den Winkel. Der Treffer zum 1:2 war der Prototyp seiner außergewöhnlichen Schusstechnik: der »Trivela«. Ein waghalsiger Außenristschuss, der mit der Wucht eines Vollspanntreffers im Netz landet. Gleich im nächsten Spiel setzte »Harry Potter«, wie Quaresma wegen seiner magischen Technik von nun an genannt wurde, noch einen drauf. Gegen den Erzrivalen Benfica Lissabon schoss er Porto zum Sieg im portugiesischen Supercup.
 
»Wir brauchen Quaresma nicht«

Ein Blitzstart, der zugleich Initialzündung war. Der »Mustang« präsentierte sich energisch und diszipliniert. Er wurde Stammspieler in der portugiesischen Nationalmannschaft, schoss in 114 Liga-Spielen 24 Tore, holte drei Titel und qualifizierte sich mit Porto regelmäßig für die Champions-League. Und war plötzlich wieder ein Spieler von Weltformat. Der Zauberdribbler weckte die Begierden der europäischen Spitzenklubs. Der FC Bayern, Arsenal, Chelsea und Inter Mailand bekundeten Interesse. Weil Deutschland »zu kalt ist und es nicht jedem Spieler Spaß macht, dort zu spielen« entschied sich Quaresma für Inter Mailand. José Mourinho, der nach dem Champions-League-Sieg 2004 Porto verlassen hatte, waren die starken Leistungen von Quaresma nicht entgangen. Er wollte ihn unbedingt in seiner Mannschaft haben. Klubeigner Massimo Moratti entgegnete jedoch: »Wir brauchen Quaresma nicht.«

Mourinho setzte sich durch und holte Quaresma in der Saison 2008/09 für 18,6 Millionen Euro zu Mailand. Wieder sollte Quaresma Figo nachfolgen, der bei Inter am Ende seiner Karriere stand. In der portugiesischen Liga zu einem Leistungsträger gereift, sollte er diesmal den Fußstapfen gewachsen sein. Doch es ging zum zweiten Mal schief.