Polens ältester Sport-Superstar

Der fantastische Mr. Kuchar

Der Pole Waclaw Kuchar war Profi-Eishockey-Spieler, Profi-Skifahrer, Profi-Hürdenläufer, Profi-Hochspringer und Profi-Eisläufer. Nebenbei spielte er noch Tennis. Bleibt die Frage: Konnte er auch Fußball? Ihr kennt die Antwort!

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Ein paar Wochen vor der EM 2012 in Polen und der Ukraine fand im Warschauer Kultur- und Wissenschaftspalast eine Fußball-Ausstellung statt. Ich besuchte sie, weil sonst nichts los war und dieser 231 Meter hohe Gebäude-Koloss recht interessant wirkte – wie ein riesiger grauer Tetris-Stein, den jemand vom Himmel geschmissen hatte und der zufällig mitten in Warschau auf den Boden gekracht war. Im Inneren befinden sich unzählige Etagen, Gänge und Türen, und niemand weiß so recht Bescheid, wo es hinaus geht und welche Wartenummer man wo löst, um Zutritt zu Zimmer 372 oder 1645 zu bekommen oder durch welche Tür man geht, damit sich dieses Gebäude einfach in Luft auflöst. Wenn man nach Josef K. suchen möchte, kann man hier anfangen.
 
»Hätte Polen lieber eine U-Bahn, eine Wohnsiedlung oder ein Hochhaus?«, soll Josef Stalin einmal gefragt haben, als er ein Zeichen der sowjetisch-polnischen Freundschaft setzen wollte. »Die U-Bahn brauchen wir nicht, und eine Wohnsiedlung werden wir selbst bauen«, habe Polens Präsident Boleslaw Bierut geantwortet. Also schenkte Stalin Warschau dieses Monstrum.
 
Wie auch immer: Nach einem etwa halbstündigen Irrlauf durch die endlosen Flure stand ich schließlich am Eingang der Ausstellung, irgendwo zwischen dem 13. und 24. Stock. Es gab allerhand Trikots zu sehen, alte Schuhe, Stutzen, Bilder der erfolgreichen WM-Turniere 1974 und 1982, und natürlich Fotos von Zbigniew Boniek, Grzegorz Lato oder Robert Lewandowski.

Wer um alles in der Welt war Kuchar?

An einer Wand hing etwas verloren eine Tafel, auf der ein Name zu lesen war: Waclaw Kuchar. Doch kaum ein Besucher blieb stehen und las den Text, der klein darunter stand. Denn wer um alles in der Welt war Waclaw Kuchar?
 
Auch ich wollte weitergehen, zu den Jubelbildern der Bonieks, Smolareks und Smudas, zu den geilen Fallrükziehervideos und den tollen Oberlippenbartbildern. Doch dann fing ich an zu lesen. Es stand geschrieben:
 
»Waclaw Kuchar (1897-1981) repräsentierte Polen als Fußballer, Leichtathlet, Skifahrer, Eisschnellläufer und Eishockeyspieler. Er spielte Fußball für Pogon Lwiw, und er hielt Rekorde im 400-Meter-Lauf, Hürdenlauf, Hochsprung und Dreisprung. Nebenbei spielte er Tennis und machte Eiskunstlauf.«

Beeindruckend, dachte ich, und da stand schon eine Museumsmitarbeiterin neben mir. Sie wisse alles über Kuchar, sagte sie. »Wissen Sie, die Kuchar-Familie ist die größte Sportler-Familie Polens. Lassen Sie mich erzählen.«
 
Und dann erzählte sie. Kuchar, 1897 geboren, wuchs in Lancut in der Woiwodschaft Karpatenvorland auf. Seine Familie war reich und sportverrückt. Der Vater soll alles gemacht haben, was irgendwie mit Bewegung zu tun hatte. Bruder Thaddäus war Präsident des polnischen olympischen Komitees. Sohn Andrzej spielte Basketball und war bis vor einigen Jahren Besitzer von Lechia Gdansk. Der Enkel ist ein bekannter Rennfahrer.
 
Kuchar selbst soll aber der Größte von allen gewesen sein. Wären Mondreisen Anfang des 20. Jahrhunderts eine Sportart gewesen, hätte später nie jemand von Neil Armstrong gesprochen. 1969 hätten im Südpol-Aitken-Becken längst Hochsprung-Wettbewerbe stattgefunden.

Noch einmal die Fakten: Kuchar spielte Tennis und machte Eiskunstlauf. Als Eisschnellläufer wurde er mehrmals polnischer Meister. Dazu gewann er die nationalen Meisterschaften im 800-Meter-Lauf (1920, 1921), im 110-Meter-Hürden-Lauf (1920), im 400-Meter-Hürden-Lauf (1923), im Hochsprung (1921, 1923) und im Fünfkampf (1923, 1924). Er sollte Polen bei den olympischen Spielen 1920 in Antwerpen vertreten, doch wegen des polnisch-sowjetischen Krieges wurde Polen gezwungen, alle Athleten zurückzuziehen.

Auch im Krieg sammelte er Medaillen

Fußball hatte es Kuchar besonders angetan. Als Kind brachte er sich das Spiel selbst bei, indem er Tennisbälle gegen die Hauswand schoss. Als er 14 Jahre alt war, wurden die Trainer von Pogon Lwiw auf ihn aufmerksam und verpflichteten den jungen Stürmer. Gleich in seinem ersten Einsatz, bei einem Freundschaftsspiel gegen Pogon Stryj, gelang Kuchar ein Hattrick. In seiner ersten Saison bei den Senioren erreichte Pogon einen guten dritten Platz. Dann brach der Weltkrieg aus, doch auch das war für Kuchar kein Grund, seinen Trophäenschrank verwaisen zu lassen. Er wurde kurzerhand Hauptmann und sammelte nun Ehrenmedaillen ein. Hochdekoriert kehrte er 1918 heim und rannte sofort wieder auf den Fußballplatz.