Plattfuß in Frankreich

Ne pas Bayern

Im französischen Niemandsland platzte 11FREUNDE-Mann Jens Kirschneck einst der Reifen. Als endlich die Pannenhilfe eintraf, hätte die Völkerverständigung gelingen können. Doch dafür war und ist Kirschneck zu sehr Arminia-Fan. Imago Erst ein Knall. Dann ein sich rasch intensivierendes Geräusch, das klingt, als würde ein überkandidelter Staubsauger mit den Ausmaßen eines Einfamilienhauses sein Kabel einziehen.

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„Das ist der Reifen“, höre ich mich sagen. „Quatsch“, sagt die Gefährtin. Man darf es ihr nicht übel nehmen. Wir alle neigen dazu, der bösen Fratze namens Wirklichkeit zu entfliehen. Wenngleich solch Eskapismus natürlich verlorene Liebesmüh ist, weil: Sekunden später stehen wir trotzdem erschüttert am Straßenrand. Und was einmal unser linker Hinterreifen war, sieht jetzt aus wie ein Makramee aus Gummi.

Haben nicht alle Autos ein Reserverad, ganz automatisch?

Die Lage ist mehr als prekär. Dies ist kein Feldweg, es ist eine Nothaltebucht an der Stadtautobahn von Lyon. Dreißigtonner rauschen vorbei, unser Haupthaar flattert im Wind. Wir haben kein Reserverad. Haben nicht alle Autos ein Reserverad, ganz automatisch? Offenbar nicht.

Die SOS-Säule des Nothalts ist mit Klebeband versiegelt, womit der Franzose wohl ihre Funktionsuntüchtigkeit andeuten will. Smarte Geste von ihm, denn: Vor uns ist Straße, hinter uns auch. Rechts und links sowieso. Ein halbes Dutzend Straßen, die sich an dieser Stelle zu einer einzigen verquirlen. Auf Schusters Rappen kommt hier keiner weg. So also wird alles enden: auf ewig gefangen in einem französischen Verkehrsknotenpunkt.

„Allemagne?“

Die letzte Rettung ist da das Mobiltelefon, wir rufen die Polizei. Sollen sie uns doch verhaften. Doch die Männer, die drei Stunden später erscheinen, sehen eher aus wie vom ADAC. Sprachbarriere, aber der Sachverhalt liegt ja klar auf der Hand. Das mit dem Reserverad finden sie nicht so klasse. Einer lächelt trotzdem: „Allemagne?“ Wir nicken verschämt. „Bayern Munich“, sagt der Mann. „Lizarazu“, versucht meine opportunistische Freundin den völkerverbindenden Schulterschluss.

Das geht mir dann doch zu weit. „Ne pas Bayern Munich“, entgegne ich vernehmlich, „Arminia Bielefeld.“

Der Mann blickt verständnislos, wendet sich wieder der Freundin zu: „Coupe d’Europe.“ Sie nickt und lächelt ihn an.

„Nichtabstieg“, sage ich, „ne pas descendre.“

Der Mann hat uns abgeschleppt und nichts weiter gesagt. Womöglich fragt er sich noch heute, wie eine so patente Frau an einen derart komischen Kauz geraten kann.

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Die Geschichte ist aus Kirschnecks Geschichtensammlung "Tragik im Alltag" (Verbrecher Verlag), zu hören ist sie auf der 11F-CD "Lesereise Zwei – Jetzt wird geheiratet" (Wortart).