Pizarros Rückkehr nach Bremen

Gestern ist ein neuer Tag

Wie ein Heilsbringer wurde Claudio Pizarro von den Werder-Fans empfangen. Er erinnert sie daran, wie schön die Zeiten waren. Aber kann man in die Vergangenheit aufbrechen?  

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Norddeutsche gelten gemeinhin nicht als Menschen, die besonders weit aus sich herausgehen. Es könnte ja regnen. Umso erstaunlicher, welche Gefühlseruptionen ein 36-jähriger Profi in Altersteilzeit dort auslösen kann. An einem Sonntagabend im beginnenden Herbst, an dem gerade Fußballfans ja gerne zu bedenken geben, dass »wir morgen alle wieder arbeiten« müssten, war in Bremen an Bettruhe plötzlich nicht mehr zu denken. Hunderte Werder-Anhänger versammelten sich am Flughafen und harrten dort bis spät in den Abend der Landung Claudio Pizarros, des ewig Verflossenen und ewig Zurückkehrenden, des verlorenen und wiedergefundenen Sohnes. Mit seinem dritten Engagement – drei Mal Pizarro ist Bremer Recht – verknüpfen viele offenbar eine Wiederauferstehung des ganzen Vereins. Da will man natürlich dabei sein.

Wo war Rolf Seelmann-Eggebert?

»Pizzawatch« nannten sie dieses gemeinschaftliche Ausschauhalten nach dem Hoffnungsträger, Zehntausende nahmen zudem in den sozialen Netzwerken daran teil. Ein Spaßvogel, der unter diesem Hashtag via Periscope Bilder eines leeren Pizzakartons in die Welt schickte, hatte immer noch 500 Zuschauer. Erstaunlich eigentlich, dass die ARD nicht Rolf Seelmann-Eggebert nach Bremen entsandt hatte, um die Ereignisse gebührend zu kommentieren.

Als der ersehnte Claudio gegen 23 Uhr endlich Bremer Boden betreten hatte – im lilafarbenen Pullover übrigens, was in der Liturgie Übergang und Verwandlung symbolisiert und an Ostern, der Zeit der Auferstehung, die Kirchen schmückt, hier aber, bei aller Transzendenz, vielleicht doch nur eine zufällige modische Extravaganz des peruanischen Galans gewesen sein mag –, da war die wichtigste Landung seit Thomas Schaafs Rückkehr vom meisterschaftsbringenden 3:1-Sieg in München vollzogen.

Verkörpert von Pizarro: das alte Werder

Der »Ostfriesische Lufttransport«, mit dessen Maschine Schaaf, aus dem Cockpit winkend, im Mai 2004 übers Rollfeld fuhr, ist längst pleite. Und auch der SV Werder hat schon bessere Zeiten gesehen. Statt sich in der Champions League mit den Großen zu messen, freut man sich inzwischen über den Nichtabstieg. Ob Pizarro, der beim FC Bayern zuletzt gerade noch belastbar genug war, um an der Autogrammstunde teilzunehmen, daran rein sportlich etwas ändern kann, sei dahingestellt.

Doch er wurde ja nicht deshalb so euphorisch empfangen, weil er eine Goldene Zukunft einläuten wird (zumindest kann davon niemand ernsthaft ausgehen). Er ist vielmehr eine Reminiszenz an das, was einmal war, was so unvergänglich schien und dann doch verging. Und jetzt ist es doch wieder da, und sei es nur für eine Saison, verkörpert von Pizarro: das alte Werder. Vielleicht hätten die Fans einen Ailton ähnlich frenetisch bejubelt.