Peter Stöger über Ernst Happels Vermächtnis

»Verschwind, du Zauberer!«

Heute wäre Ernst Happel 90 Jahre alt geworden. Welchen Einfluss besitzt er bis in die Gegenwart auf den Fußball? Kölns Trainer Peter Stöger über gemeinsame Jahre in der Nationalelf.

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Peter Stöger, können Sie uns als Österreicher die Bedeutung des Trainers Ernst Happel erklären?
Er war der erfolgreichste Coach, den wir je hatten. Er war ein Weltklassespieler und obwohl er eine sehr eigene Persönlichkeit war, hat es seinem Erfolg nicht geschadet. Er war in jeder Hinsicht besonders.

Sie waren Spieler unter ihm, als er am Ende seines Lebens das Nationalteam trainierte.
Für uns Spieler war es eine große Ehre, dass er nach so langen Jahren im Ausland nach Hause kam, um den österreichischen Fußball voran zu bringen. Wir Spieler waren stolz, von ihm ausgewählt und aufgestellt zu werden.

Was konnten Sie von ihm lernen? 
Er war in jeder Hinsicht absoluter Fußballfachmann. Gerade im taktischen Bereich hat er uns Dinge mitgegeben, deren Bedeutung ich erst nach und nach verstand. Und er brauchte dazu nur wenig Worte.

Seine Spieler beim HSV hatten mitunter Probleme ihn zu verstehen.
Das ging uns nicht anders. Er sprach eine Mischform aus deutsch, niederländisch, englisch und wienerisch. Dieses Verschmolzene hat ihn aber auch ausgemacht.

Wie meinen Sie das?
Diese Melange aus den vielen Erfahrungen, die er im Ausland gemacht hatte. Und die jeweils positiven Elemente dieser Einflüsse spiegelten sich in dem Fußball wieder, den er spielen ließ. Bei ihm lernten wir Spieler, von einer Position auf die andere zu wechseln, ohne das ein Platz unbesetzt blieb. Er nannte das schlicht »switchen« – und wir wussten Bescheid. 

Was haben Sie für Ihre Arbeit als Trainer von ihm mitgenommen?
Dass es wichtig ist, sich immer treu zu bleiben. Der Happel hat sich seinen Wiener Charme erhalten, aber er hat sich auch mit all den Auslandsstationen so stark identifiziert, dass er überall etwas mitnehmen konnte. Und: Große Namen haben ihm nie etwas bedeutet, er hat die Mannschaften stets so aufgestellt, wie er wollte und ist trotzdem erfolgreich gewesen.

Die Spieler in Hamburg schwärmen davon, dass Happel ihnen stets große Freiheiten einräumte.
Er erkannte intuitiv, welche Qualitäten eine Mannschaft besaß und was er seinen Spielern zumuten kann. Er wusste, wann er sie in ihrer Kompaktheit und Stabilität einfach spielen lassen konnte. Uns bei der Nationalelf war das natürlich in dem Maße nicht gegeben wie dem HSV 1983. Uns musste er auch auf die Nerven gehen. Er konnte ganz genau sehen, wer Input braucht und wer sein Ding allein durchzieht. Und so musste er dem Stöger eben mehr erzählen, als dem Magath in Hamburg.

Sie hatten mit der Nationalelf 0:6 in Schweden verloren, als er 1991 das Amt übernahm. Hat er Ihnen trotzdem versucht, sein offensives Spiel zu implantieren?
Er hat es versucht, aber es war nicht so einfach wie bei anderen Teams. Natürlich hatte er einen Plan. Unter ihm spielten wir flexibler, waren schwerer auszurechnen. Die Stürmer sollten die Innenverteidiger schon in der eigenen Hälfte angreifen. Aber ich muss zugeben, unser Kader war damals nicht so weit, um wirklich erfolgreich zu sein.

Hatten Sie als zentraler Spieler einen speziellen Zugang zu ihm?
Nein, er war ein echter Grantler. Gefühlt eher nicht gut gelaunt, aber am Ende immer mit einem lustigen Spruch auf den Lippen. Ich habe ihn eigentlich stets als herzlich empfunden, auch wenn er in bestimmten Dingen sehr stur sein konnte. In Sachen Pünktlichkeit und Konsequenz gab es bei ihm keine Kompromisse.

Und wenn jemand zu spät kam...
...war der Bus halt abgefahren. Er war schon strikt in der Zusammenarbeit, es musste so funktionieren, wie er es wollte. In der Hinsicht wäre es für ihn heute sicher eine schwierige Situation.

Warum?
Heute wird Kritik oder ein lautes Wort von Spielern schnell als persönlicher Angriff gedeutet.

Das heißt, Ernst Happel wäre heute als Trainer nicht mehr denkbar?
Heute ist das ganze Konstrukt dünnhäutiger. Aber Happel war ein hochintelligenter Mensch, er hätte so etwas erkannt und auf andere Weise die Stellschrauben nachgedreht. Ich bin überzeugt, wer vor 40 Jahren in der Lage war, sich auf Menschen einzustellen, würde auch heute die richtigen Entscheidungen treffen.