Peps Lyrik-Lesung

Heißt das jetzt, dass der Guardiola-Pep seinen Vertrag verlängert?

Als wolle er seine geheimnisvolle Aura noch verstärken, gibt er an diesem Juniabend also das Orakel von München: Auf Einladung des Goethe-Instituts liest er aus dem Werk des katalanischen Dichters Miquel Marti i Pol, mit dem er bis zu dessen Tod im Jahr 2003 eng befreundet war. Seinen letzten Band, das »Buch der Einsamkeiten«, widmete Marti i Pol Guardiola. Der liest nun Zeilen daraus vor wie: »Sagen wir, dass ich ging. Aber ich bleibe.« Und während in der ersten Reihe der Schriftsteller Uwe Timm mit geschlossenen Augen seinen gedankenschweren Kopf im Takt des Versmaßes wiegt, stehen den Bayern-Fans im Publikum die Fragen ins Gesicht geschrieben: Heißt das jetzt, dass der Guardiola-Pep seinen Vertrag verlängert, oder was? Wann ist eigentlich Halbzeit? Und was hat all das hier mit Fußball zu tun?

Ja gut, äh: Berti Vogts hat in seiner Zeit als Bundestrainer auch mal ein Gedicht geschrieben (»Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass, das wäre doch was«), Karl-Heinz Rummenigge hat sich eines aus dem Internet zusammengereimt (»Lieber Franz, ich danke dir sehr, das fällt mir nicht schwer«), und Oliver Kahn identifiziert sich dem Vernehmen nach mit Rainer Maria Rilkes Panther (»Wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht«). Ansonsten aber behelligten der Fußball und die Lyrik einander bislang kaum, was wahrscheinlich Schlimmeres verhindert hat. Wer möchte schon Dardai oder Breitenreiter Gedichte vortragen hören?

Wann reimt sich hier endlich mal was?

Dieser Guardiola aber ist ein ätherisches Wesen, das seit seiner wundersamen Ankunft in der Bundesliga vor nunmehr zwei Jahren nicht wenige erstmals über den Zusammenhang von Kunst und Kurzpass nachdenken ließ. Er sucht die Perfektion im Schönen, und zwar so unnachgiebig, dass er in diesem oftmals so brachialen Männersport selbst dann außer Verdacht steht, zu weich zu sein, wenn er sich in enge Anzüge schlängelt und, wie heute, Gedichte vorträgt.

Irgendein Zusammenhang wird schon bestehen zwischen dem Lyrikabend im Literaturhaus und der Zukunft des Rekordmeisters. Und nicht nur die Bayern-Fans lauern darauf, dass er endlich zutage tritt: Schwitzende Journalisten schreiben hastig Liveblogs aus dem überhitzten Saal, als handele es sich um einen Höhepunkt des Fußballjahres, Kameras sind auf die Bühne gerichtet, die wiederum von anderen Kameras gefilmt werden, die das enorme Medieninteresse an Guardiolas lyrischer Séance dokumentieren sollen. Das Orakel spricht, und alle lauschen. »Mit geschlossenen Augen warte ich im Brunnen des großen Rätsels von mir selbst«, so Guardiola um kurz vor halb zehn. Uwe Timm applaudiert in tiefstem Einverständnis, die Bayern-Fans linsen indes auf ihre Handydisplays. Ist der Transfer von Douglas Costa schon in trockenen Tüchern? Und wann reimt sich hier endlich mal was?