Pauli gegen Augsburg: Bier und Gras

Die Landgrafen

Montag Abend, zweite Liga: Verfolgerduell St. Pauli gegen Augsburg. Beide Mannschaften könnten bald in der Bundesliga spielen. Wir haben die Partie auf dem Schoß von Frank Buschmann verfolgt und den Erstligatest gemacht. Pauli gegen Augsburg: Bier und Gras Seit ihrer Gründung im Weltmeisterschaftsjahr 1974 umweht die zweite Liga ein erdiges Image. Grätschen, Grasfressen, Gas geben ist seit jeher angesagt,wenig überraschend in einer Division, in der Willi Landgraf die meisten Spiele und Dieter Schatzschneider die meisten Tore gemacht hat. Natürlich kommt man im Jahr 2010 nur mit Kloppen nicht mehr weit. Trotz PR-Slogans, die von der »besten zweiten Liga aller Zeiten« schwärmen, wird in Liga 2 auch heute noch vor allem gerackert und geackert.

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Und so riecht Zweitligafußball auch zehn Jahre nach dem Millenium noch nach Schweiß, feuchtem Rasen und Holzkohleschwaden – selbst am Montagabend. Und auf dem Hamburger Kiez dazu nach »holländischem Gras«, wie Frank Buschmann, der das Spitzenspiel zwischen den Erstligaanwärtern FC St. Pauli und FC Augsburg für das neu formierte »Sport1« kommentiert, mit einem schelmischen Augenzwinkern einwirft, das man leider nicht sehen kann.

Buschi wird zu Hans Albers

Buschmann, man merkt es schnell, ist auch so eine Art Aufstiegsaspirant. Gefangen zwischen Basketballturnieren, die nur alle Jubeljahre aus deutscher Sicht mal jemanden interessieren, und Einsätzen bei »Schlag den Raab«, ist er so etwas wie das Greuther Fürth der Kommentatorenszene. Der ewige Vierte, dessen Bundesligatauglichkeit man mangels Gelegenheit einfach nicht beurteilen kann.

Buschmann kommentiert 90 Minuten Fußball so wie die letzten 60 Sekunden einer Basketballpartie: Atemlos, schnörkellos, laut. Warum auch umständliche Floskeln entrollen, wenn ein knappes »abenteuerlich« genügt? Später, als es schon 2:0 steht, wird »Buschi« dann den Hans Albers in sich entdecken: »Das wird eine lange Nacht auf der Reeperbahn geben. Aber mal ehrlich: Gibt es da überhaupt so etwas wie kurze Nächte?« Da wird es dann fast romantisch. Doch wir greifen vor.

Unter den Augen der schweißgetränkten Paulianer Historie wird die Partie zunächst einmal angepfiffen, es wird in den kommenden anderthalb Stunden um nicht weniger als um die Vorentscheidung im Aufstiegsrennen gehen – wer gewinnt, verschafft sich ein komfortables Polster, nicht nur zum anderen, sondern auch auf Rang vier. Thomforde, Trulsen und Walter Frosch schauen zu, ebenso wie die anderen acht Mitglieder der »Jahr100Elf« des Kiezklubs, die in überlebensgroßen Porträts das Baugerüst an der Gegengeraden zieren. Welch Ambiente!

Fußball in Frosch-Tradition

In der ersten halben Stunde steht das, was die beiden Mannschaften zeigen, am ehesten in der kettenrauchenden, schienbeinmalträtierenden Tradition des Frosch. Während 22-Tore-Mann Michael Thurk bei den Gästen unsichtbar bleibt und nur Freistoßspezialist Ndjeng den einen oder anderen Auftritt bei ruhenden Bällen hat, sind auf Seiten der Hamburger vor allem Deniz Naki und Charles Takyi um eine spielerische Linie bemüht. Naki und Takyi – der Mittelfeldmotor des FC St. Pauli ist auch namentlich ein ähnlich kongeniales Duo wie Hoddle und Waddle bei England 1986. Prädikat: Klar erstligatauglich!

In der 29. Minute kommt nach viel Gegrätsche und Gekämpfe dann auch auf dem Platz zum ersten Mal so etwas wie Bundesligaflair auf. Thurk steht plötzlich doch auf dem Feld, legt Ibrahima Traore den Ball mit der Hacke in den Lauf, als wäre das hier ein Champions-League-Spiel und nicht ein Montagabend im Ex-DSF. Traore wetzt mit dem Leder los wie ein Topsprinter, verlädt vor dem Sechzehner einen Pauli-Verteidiger, zieht ins lange Eck ab, der passt, das klingelt, doch Keeper Mathias Hain dreht den Ball mit den Fingerspitzen noch um den langen Pfosten. Klar, Hain hat ja auch 152 Erstligaspiele auf dem Buckel... Der weiß, wie das ist, da oben, an der Sonne.

Doch auch Hains Vorderleute sind nun aufgewacht und tragen dazu bei, dass aus einem müden Zweitligakick ein packendes Spiel wird. Saunafreund Buschmann sieht auf einmal überall »Dampf«, und dann trifft auch schon Matthias Lehmann zum 1:0 für die Heimmannschaft. Lehmanns strammer Strahl ins Netz verzückt die knapp 20.000 im Stadion und motiviert Buschi zu einer Fortsetzung seines olfaktorischen Themenabends: »Jetzt riecht es hier nicht mehr nur nach Bier und Bratwurst«, schnuppert er verzückt, »jetzt riecht es auch ein bisschen nach erster Liga«.

Der restliche Abend gehört Marius Ebbers. Der ist auch so ein Schatzschneider-Typ. Ein Mann, scheinbar geboren für das »Fußball-Unterhaus«, wie es im kicker-Jargon so gerne heißt. 86 Treffern in 220 Partien in Liga zwo stehen drei Törchen in der Bundesliga gegenüber. Nach je einem Jahr »Oberhaus« mit Köln und Aachen ging es jeweils wieder schnurstracks dahin, wo sich Ebbers am wohlsten fühlt.

»Hier wackelt die ganze Bude!«

Ebbers erzielt an diesem Abend die Treffer zwei und drei für St. Pauli, der Gegner aus Augsburg tritt nicht mehr in Erscheinung. Thurk hatte bereits vor dem 0:1 sein Tor erzielt, per schönem Lupfer, aber leider aus vermeintlicher Abseitsposition. Nando Rafael, 103 Bundesligaspiele für Hertha und Gladbach, heute glücklos in der Augsburger Offensive, muss schon zur Halbzeit vom Feld. Nicht alle können so effektiv von der Vergangenheit zehren wie Hain.

Als Ebbers zum 3:0 trifft, ist Buschmann nicht mehr zu halten. Er macht das, was Basketballfans seit Jahren bei der Stange hält, er macht den Fan mit Mikro und gibt den Jubel eins zu eins in die Wohnzimmer der Republik weiter: »Hier oben wackelt die ganze Bude, das ist der Wahnsinn!« Auf der Couch wackeln wir ein bisschen mit. Das muss sie sein, diese Bundesliga, von der wir schon so viel gehört und gerochen haben!

Ach, Relegation!

Mit dem 3:0 im Spitzenspiel des 30. Spieltags scheint der Weg in der Tat vorgegeben: Pauli wird sich mit Kaiserslautern um die Meisterschale streiten, die albernerweise mittlerweile auch in der zweiten Liga vergeben wird (was wohl Schatzschneider dazu sagen würde?), Augsburg dürfte in der Relegation auf den Bundesliga-Sechzehnten treffen. Was hat es da Ende der Achtziger nicht für Duelle gegeben!

Ach, noch eine Sache zum Schluss: In einem Punkt waren beide Teams bereits vor dem Anpfiff in der Beletage angekommen: Das Schuhwerk der 22 Kicker erstrahlte in allen Farben des Regenbogens. Paulis Joker Max Kruse trug blau, Deniz Naki gelb, Gästestürmer Traore gar hippieske Batiktöne, und bei Augsburgs Zwirbelkünstler Marcel Ndjeng musste man schon genauer hinsehen, um zu erkennen, dass er nicht in Socken auf dem Platz stand. Selbst Ebbers, »Mister zwote Liga« höchstselbst, trägt Michael-Johnson-Gold! Aufholbedarf zu Ribery und Co. besteht da jedenfalls nicht mehr.

Was wohl Landgraf dazu sagen würde?