Partizan gegen Roter Stern

Das »emotional aufgeladenste Spiel in Europa«

Wie so oft in der Geschichte bedingten sich auch in Jugoslawien gesellschaftlicher und sportlicher Aufstieg. Die Sechziger waren ein Goldenes Zeitalter. Tito hatte sich erfolgreich von der Sowjetunion emanzipiert – ohne alle Brücken abzubrechen oder dem Sozialismus abzuschwören – und sicherte sich gleichzeitig Investitionen aus dem Westen. Die britische Queen pflanzte mild lächelnd ein Bäumchen des Friedens an der Donau, Jugoslawien führte die blockfreien Staaten an und ging seinen »Dritten Weg« zwischen Kommunismus und Kapitalismus, dessen Ende in einer Sackgasse hinter den vielen Weggabelungen der Geschichte noch nicht zu sehen war.

Jugoslawien gewann in dieser Zeit des Aufbruchs Gold bei den Olympischen Spielen 1960, wurde zweimal Zweiter bei Europameisterschaften und Vierter bei der WM 1962 in Chile. In der Liga sicherte sich Partizan, damals bekannt als »Dampfwalze«, die Meisterschaften von 1960 bis ’63 – und erreichte 1966 als erster Verein aus der Region das Finale im Landesmeistercup. 1:2 hieß es gegen Real Madrid. Danach erfolgte der klassische Abstieg eines Ostklubs: Die besten Spieler gingen, das Geld versickerte, die Mannschaft versank auf Jahre im Mittelmaß.

»Die meisten von uns waren schon sehr nationalistisch«

In den siebziger Jahren steigerte sich die Rivalität zwischen den Vereinen, Dinge gerieten ins Wanken, Stürme zogen auf. Titos Zauber verflog – und Fußballfans gaben sich regimekritisch. Ein langjähriger Roter-Stern-Ultra hat diese Zeit einmal bündig zusammengefasst: »Die meisten von uns waren schon sehr nationalistisch. In den siebziger Jahren kombinierten wir die Choreografie der Kurven aus Italien und das Hooligantum aus England zu unserem sehr eigenen Fußball-Anti-Kommunismus. Hooligan zu sein, war ein Weg zu zeigen, dass wir frei sind.« So standen die späten Siebziger auch für das erste Aufkommen der Gewalt zwischen beiden Fanlagern. Die Partizan-Ultras, die Grobari (»Totengräber«), organisierten sich da bereits zentral, bei Roter Stern dauerte es bis 1989, als die verschiedenen Fangruppen als Delije zusammenfanden – als »Helden«.

Was die beiden Fanlager ausmacht und wie sie sich unterscheiden, weiß kaum jemand besser als Markus Stapke. Mehr als 30 Mal war der Groundhopper beim Ewigen Derby zugegen, das er als das »emotional aufgeladenste Spiel in Europa« bezeichnet, er hat Kontakte in die Fanszenen. »Seit jeher sind die Delije, was die Choreografie angeht, vorne, nicht nur in Serbien«, sagt er. »Es wird die ganze Palette der kreativen Möglichkeiten ausgenutzt. Technisch sind die Darstellungen ambitioniert und nahezu perfekt durchgeplant. Die Kurve ist sich auch ihrer gesellschaftlichen Relevanz bewusst, das gesungene Wort hat hohe Strahlkraft bis hinein in politische Kreise.« Partizan stehe dagegen für einen »eher punkigen Ansatz«, so Stapke, »für Anarchie, wozu auch spontan gelegte Feuer im Gästeblock gehören können.« Einzigartig sei die extreme Konzentration auf Belgrad: »Die Hälfte der Fans in Serbien ist für Roter Stern, ein Drittel für Partizan. Da bleibt nicht mehr viel. Dieses Spiel polarisiert wie kein zweites.«

Roter Stern ist historisch der größere Verein

Das Spektakel in den Kurven ist nicht nur etwas für Nostalgiker, sondern auch dringend nötig, angesichts des gesunkenen Spielniveaus. »Die Fans von Partizan verhöhnen Roter Stern auch damit: Bei euch läuft es nicht so gut, deshalb macht ihr den ganzen Zirkus«, sagt Stapke. Zuletzt hatten die Partisanen genug Grund zur Schadenfreude, seit der Neustrukturierung der Liga 2006 gewannen sie sieben Titel, Roter Stern nur zwei.

Das ändert aber nichts daran, dass Roter Stern historisch der größere Verein ist. 1991 erlebte »Europas hellster Stern« seinen magischen Moment: Im Finale des Landesmeistercups wurde Olympique Marseille im Elfmeterschießen geschlagen – obwohl das Team um Robert Prosinecki und Sinisa Mihajlovic wie auf einem Grabbeltisch vor den Spielerberatern aus dem Westen dalag und vor dem Endspiel gar eine Quarantäne verhängt wurde, damit der Ausverkauf für einige Tage pausierte und die Spieler sich konzentrieren konnten.