Pal Dardai über Preetz, Weiser und die Champions League

»Ich weiß, wann ich gehen muss«

Sie haben ihr halbes Leben bei Hertha verbracht und nicht nur schöne Zeiten erlebt. Ist es nicht ein seltsames Gefühl, plötzlich in einer Position zu sein, in der man es besser machen kann?
Ich bin tatsächlich immer mit offenen Augen durch die Gegend gelaufen, und ich versuche jetzt, der Trainer zu sein, den ich als Spieler gerne gehabt hätte.

Wie muss man sich den vorstellen?
Ich bin kein Fanatiker und gestehe den Spielern auch ihre Freizeit zu. Aber ich kann sehr streng sein, was Training und taktische Disziplin betrifft.

Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps.
Die Arbeit darf Spaß machen. Wenn die Spieler lustlos zum Training kommen, hast du ein Problem. Wir haben 29 Profis im Kader, von denen immer einige unzufrieden sind, weil sie nicht spielen. Da musst du es hinkriegen, dass auch diese Enttäuschten ein wenig Spaß haben.

Zumal Sie kaum rotieren und oft der gleichen Elf vertrauen.
Das Pech der Reservisten ist, dass wir keine Doppelbelastung haben. Aber als wir damals unter Jürgen Röber etwas Großes geschafft haben (Qualifikation für die Champions League 1999, d. Red.), war es auch schwer, in die Mannschaft hineinzurutschen.

Was sagen Sie den Ersatzleuten?
Es geht nicht anders, als die Situation zu akzeptieren, hart zu arbeiten und dann, wenn der Moment gekommen ist, Leistung zu bringen. Das klappt bei uns ziemlich gut.

Klingt fast ein bisschen simpel.
Michael Preetz und ich haben zu Saisonbeginn mit jedem Spieler gesprochen und die Perspektiven aufgezeigt. Dabei habe ich besonders die Führungsspieler gestärkt, die ich als meine Partner betrachte und die für die Hierarchie in der Kabine sorgen. So ein Kader ist wie ein Teich: Gutes Wasser rein, schlechtes raus! Es muss leben und funktionieren.

Sie kennen Michael Preetz noch aus gemeinsamen Spielerzeiten. Haben Sie sich ihm gegenüber abgesichert für den Fall, dass die Sache schief geht?
Ich habe zu Michael von Anfang an gesagt: »Du musst mich nicht rauswerfen. Ich weiß, wann ich gehen muss.« Wenn wir fünf oder sechs Mal hintereinander verlieren, sage ich »Danke schön«, gehe wieder eine Etage runter und mache meine Arbeit im Nachwuchsbereich.

Und wenn Sie die große Bühne vermissen?
Ich weiß, dass mir das kein Mensch glaubt, doch es ist so. Ich habe jetzt schon so viele Angebote, dass ich selbst überrascht bin. Aber das geht alles zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Ich fühle mich wohl hier, meine Söhne spielen bei Hertha und die Familie ist glücklich. Was will man mehr?

Was ist mit der ungarischen Nationalelf?
Der Verbandspräsident hätte alles bezahlt, damit ich bleibe. Doch ich wollte die tägliche Arbeit als Trainer. Alle zwei Monate zwei Spiele, das ist mir zu wenig. Es muss umgekehrt laufen: Wenn du satt und ein bisschen müde bist, dann kannst du die Nationalelf trainieren.

Aber Ungarn hat sich jetzt für die Europameisterschaft qualifiziert. Wer weiß, wann diese historische Chance wiederkommt?
Das stimmt, aber die einzige Chance wäre gewesen, es parallel zu machen. Und die Doppelbelastung konnte ich nicht mehr verkraften, weder körperlich noch geistig. Als ich einmal nach einem aufreibenden Spiel im Abstiegskampf zur Nationalmannschaft gereist bin, war ich so kaputt, dass ich Ungarns Adam Lang mit Herthas Sebastian Langkamp verwechselt habe – beides Innenverteidiger, ähnlicher Name. Ich habe nicht mal mehr die richtigen Worte gefunden und Deutsch und Ungarisch verwechselt. Da hab ich gesagt: »Stopp, Jungs! Geht raus, trainieren. Mit dem Reden warten wir bis morgen.«

Zurück zu Preetz: Waren Sie als Spieler mit ihm befreundet?
Mit Michael gab es immer einen gegenseitigen Respekt, aber wir waren nie zusammen unterwegs. Für die jetzige Zusammenarbeit ist das gar nicht schlecht. Ich war auch kein Nachwuchstrainer, der jede Woche nach oben gegangen ist, um sich anzubieten. Ich habe mich nie selbst ins Gespräch gebracht, bei Hertha nicht und in Ungarn auch nicht. Als der ungarische Verbandspräsident mich um Rat fragte, habe ich ihm einige meiner Meinung nach geeignete Kandidaten genannt, doch er sagte: »Nein, ich möchte, dass du das machst.« Mein Vater hat danach erst einmal mit mir geschimpft.

Warum denn das?
Weil das im Grunde eine unmögliche Aufgabe war. Damals hatte die Nationalelf in Ungarn eine so schlechte Presse, dass sich kein Trainer lange gehalten hat. Mein Vater hatte Sorge, dass ich mir mit dem Job gleich zu Beginn meine Trainerkarriere ruiniere.

Er lag falsch.
Als die ersten Spiele so liefen, wie ich es prognostiziert hatte, hat sich die Sache gedreht. Danach konnten die Jungs erst mal in Ruhe arbeiten. Hier bei Hertha BSC war das nicht anders im letzten Sommer.

Inwiefern?
Alles war negativ und fast ganz Deutschland hat gemeint, Hertha steigt ab. Aber wenn Sie jetzt Vedad Ibisevic fragen, was ich bei unserem ersten Gespräch zu ihm gesagt habe, wird er Ihnen bestätigen: »Wenn alles gut läuft, ist mit diesem Kader Platz sieben oder acht möglich.«

So läuft es normalerweise aber nicht.
Doch, doch. Fußball besteht zu einem großen Teil aus Automatismen. Wenn du genug Zeit zum Arbeiten hast und Jungs, die voll mitziehen, kann man das ziemlich gut abschätzen.

Im Moment hat Hertha BSC sein Soll übererfüllt. Da Sie wissen, wie man Pläne aufstellt und umsetzt: Machen Sie mal einen guten Plan für die Champions League!
Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, aber das werde ich nicht tun. Bis zum Winter haben wir fast alle Punkte, die wir geholt haben, verdient gewonnen. Dann kommen die Medien und fragen auf einmal nach der Champions League – und prompt gewinnen wir fünf Spiele in Folge nicht.

Weigern würden Sie sich aber nicht, in diesem Wettbewerb anzutreten?
Wenn wir es schaffen, wäre es natürlich wunderbar. Aber meine Mannschaft hat ein Durchschnittsalter von 22 Jahren. Warum soll ich diese Jungs jetzt damit belasten, dass sie keine Fehler machen dürfen, damit wir um jeden Preis in der Champions League landen?

Sie haben Herthas letzte Teilnahme in der Saison 1999/2000 als Spieler erlebt. Wäre es nicht traumhaft, als Trainer an diese Zeit anzuknüpfen?
Das war eine schöne, aber ganz andere Zeit. Damals kickten hier fast nur gestandene Nationalspieler. Ich konnte froh sein, wenn ich in der Startelf stand. Jetzt haben wir ein Team, das die Zukunft noch vor sich hat. Die Jungs müssen noch viel lernen.

Stimmt es, dass Ihnen das Erreichen des Endspiels im DFB-Pokal ohnehin wichtiger gewesen wäre als die Champions League?
Ja, das ist richtig.

Aber die Königsklasse bringt viel mehr Geld.
Die Signalwirkung des Pokalfinals wäre größer. Hertha BSC in Berlin im Endspiel – darüber würden die Fans noch in Jahrzehnten reden. Der Verein würde mehr Mitglieder generieren, und auch für die Nachwuchsakademie wäre das eine gute Sache, denn es erschwert Wolfsburg, Gladbach oder Leipzig, unsere Talente abzuwerben. Darf ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen?

Gerne.
Mein Bruder ist vor einigen Jahren auf dem Fußballplatz gestorben. Herzstillstand. Meine Mutter hat das nicht verkraftet und ist später an Magenkrebs gestorben. Mein Vater geht seitdem jeden Sonntag ans Grab. Als Ex-Profi ist er in unserer Stadt Pécs ein bekannter Mann. Vor kurzem sprach ihn auf dem Friedhof ein Herr in seinem Alter an: »Entschuldigen Sie, aber ich wollte mich bei Ihnen bedanken. Als ich ein junger Mann war, haben wir die ganze Woche über Fußball gesprochen. Montag und Dienstag übers zurückliegende Wochenende, und ab Mittwoch haben wir uns schon darauf gefreut, was Sie wohl im nächsten Spiel machen. Sie haben uns mit Ihren Toren viel Freude bereitet.« Mein Vater ist immer in Pécs geblieben, er hat nie den Klub gewechselt. Als er vom Friedhof kam, rief er mich an und sagte: »Siehst du, ich habe nicht so viel Geld verdient wie du, aber es hat sich trotzdem gelohnt, hier zu spielen.« Verstehen Sie, was ich sagen will? Ein Pokaltag ist ein Feiertag, der unvergesslich bleibt. So etwas kann man nicht mit Geld bezahlen.