Paco Jémez’ Drahtseilakt zwischen Ruhm und Exil

Wenig Gehirn und dicke Eier

Vor einem halben Jahr galt Paco Jémez noch als das Wunderkind des spanischen Fußballs und kommender Nationaltrainer. Mittlerweile arbeitet er in Mexiko. Was ist aus dem Sprücheklopfer geworden?

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Als Paco Jémez am 28. September 2016 im Pressesaal des FC Granada sitzt, kommen ihm möglicherweise seine Worte von vor drei Monaten wieder in den Sinn. Wie Hohn muss ihm der Verlauf der Zeit vorkommen. Gerade hat ihn der spanische Erstligist als Trainer vor die Tür gesetzt, nach zwei Punkten aus den ersten sechs Spielen und nachdem er erst im Sommer mit hohen Erwartungen nach Andalusien gewechselt war. »Wir haben gar nicht genug Zeit, um alle meine Fehler aufzuzählen«, verabschiedet er sich selbstkritisch. Nachdem im Sommer ein großer Traum zum Greifen nahe schien, erlebt er nun den Tiefpunkt seiner Trainerkarriere.

Denn damals, wenige Tage nachdem er sich an Granada gebunden hatte, galt er plötzlich als heißer Kandidat auf den Posten des spanischen Nationaltrainers, der nach dem Rücktritt von Vicente del Bosque freigeworden war. Und das, obwohl er die Vorsaison mit Rayo Vallecano als Absteiger und mit vernichtenden 73 Gegentoren beendet hatte.

Eine Klausel für Spanien

Extra für die Nationalmannschaft hatte sich Jémez eine Klausel in den noch druckfrischen Vertrag in Granada schreiben lassen. Auf Nachfrage zu seiner Bereitschaft betonte er damals: »Es ist etwas Unvorstellbares, dass der Verband an deine Tür klopft. Ich wäre begeistert.« Doch auch wenn er in Fan-Umfragen alle Gegenkandidaten deutlich distanzierte, entschied sich der Verband letztlich gegen ihn.

Inzwischen ist ein halbes Jahr vergangen, Julen Lopetegui hat der spanischen Nationalmannschaft als Trainer neues Leben eingehaucht, Granada kämpft im Tabellenkeller unter neuer Leitung noch immer mit der Hypothek des schwachen Saisonstarts. Und Paco Jémez ist weit weg, in Mexiko um genau zu sein, wo er das Image des Chaosklubs Cruz Azul retten soll und das eigene am besten gleich dazu.

Furioser Fußball mit kleinem Budget

Denn daran, dass der zuvor so gute Ruf des 46-Jährigen im letzten Jahr merklich gelitten hat, bestehen keinerlei Zweifel.

Über Jahre hatte er bei Rayo Vallecano mit kleinem Budget in der spanischen Liga für Aufsehen gesorgt, beinahe dogmatisch pochte er vom ersten Tag an auf die konsequente Umsetzung des taktisch anspruchsvollen Positionsspiels nach Johan Cruyff. »Wenn Rayo einen anderen Fußball spielen will, dann brauchen sie einen anderen Trainer«, zeigte er sich auch in schweren Phasen wenig kompromissbereit. Vielmehr verlangte er blindes Vertrauen in Plan A, selbst gegen individuell deutlich überlegene Gegner musste die Mannschaft nach absoluter Kontrolle und bedingungslosem Gegenpressing streben, wenn sie ihren Trainer nicht zu einer seiner häufigen Brandreden nach Spielende verleiten wollte.