Ostvereine werden 50

»Unsere großen Fußballer sind jetzt Ruderer«

Ideenwettbewerbe und Gründungsfeiern, das klingt nach Begeisterung und Schwung. Aber die meisten Fußballfreunde waren damals alles andere als beeindruckt von einer weiteren Neuordnung im DDR-Fußball. Schon in den vorangegangenen beiden Jahrzehnten waren Klubs immer wieder umbenannt, zusammengelegt oder gar an andere Orte verschoben worden. »Die ständigen Beschlüsse von oben haben der Bindung an die Klubs nicht gut getan«, hat Wiese bei seinen Untersuchungen festgestellt. Allerdings zeigt sich im Rückblick, dass vor 50 Jahren eine Tradition begann, auf die sich heute fast alle großen Vereine Ostdeutschlands berufen. Am entschlossensten der 1. FC Union, der gleich eine ganze Jubiläumssaison ausgerufen hat, inklusive historischer Ausstellung im Stadion und großer Feier zum Jubiläum am 20. Januar 2016.

Es ist eine geschichtspolitische Entscheidung, auf welche Traditionslinien man sich beziehen möchte. Dazu gehört auch die Frage, ob und auf welche Vorgängerklubs man sich beziehen will oder welches Gründungsdatum man feiern möchte. Denn auch für viele Klubs im Westen gibt es verschiedene Startpunkte. Im Osten bedeuten die Gründungen um den Jahreswechsel 1965/66 insofern einen Einschnitt, weil Fußballfans nun Mitglied ihrer Klubs werden konnten.

Die DDR-Sportführung wollte keine Fankultur fördern

Vorher hatte die DDR bewusst mit der Tradition bürgerlicher Vereine gebrochen. Das zeigte sich auch daran, dass es keinen SV oder FSV, VfB oder VfL gab. Und Mitglied in den Sportklubs konnte nur werden, wer dort auch selbst Sport trieb. Ab 1966 jedoch gab es für Fans die Möglichkeit »förderndes Mitglied« zu werden.

Die DDR-Sportführung wollte natürlich keine Fankultur fördern, es ging ihr einzig um sportliche Erfolge. Vielleicht ist die Konzentration der Fußballspieler in eigenen Klubs dennoch der Grund dafür, dass die größten internationalen Erfolge im Jahrzehnt nach der Gründung der Fußballklubs gefeiert wurden. Jedenfalls fallen in diese Zeit der 1:0-Sieg der DDR-Nationalmannschaft bei der WM 1974 in Hamburg über die Mannschaft von Helmut Schön, der Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Montreal zwei Jahre später und der einzige Gewinn eines Europapokals, den der Pokalsieger 1974 durch den 1. FC Magdeburg.

Doch zu diesem Zeitpunkt war die Förderung des Fußballs schon wieder in den Hintergrund gerückt. Anfang der siebziger Jahre begann die DDR mit der zentralen Sichtung von Sporttalenten, um bei Olympischen Spielen möglichst viele Medaillen zu gewinnen. Für die Fußballklubs bedeutete das: Sie bekamen nur den Rest der Sporttalente ab. Oder wie Jenas langjähriger Spieler und Trainer Lothar Kurbjuweit zu spotten pflegte: »Unsere großen Fußballer sind jetzt Ruderer.«