Osnabrück-Urgestein Joe Enochs ist jetzt Trainer in Zwickau

Enochs und die Suche nach der Heimat

Über den VfL heißt es oft, er sei ein »gefühlter Zweitligist«, dabei hat er in den vergangenen 25 Jahren nur fünf Jahre in der zweiten Liga gespielt. In Zwickau ist es andersherum: Die jüngere Vergangenheit sieht bieder und grau aus, wer hier abhebt, der kann nicht ganz bei Trost sein. Der natürliche Lebensraum des FSV war seit 2000 die vierte und fünfte Liga. Auch die Trainingsbedingungen lassen sich nicht mit denen von anderen Drittligisten vergleichen. In dieser Wintervorbereitung muss die Mannschaft oft andernorts trainieren, mal in der Halle, mal, so wie heute, auf dem Kunstrasenplatz im Westsachsenstadion. Dort wo früher die Tribünen des Stadions waren, wächst nun Gras. Nur der denkmalgeschützte Eingangsturm erinnert an die großen Zeiten. Enochs steht an der Seitenlinie und ruft: »Tempo!«

Keine Luftschlösser

Am Wochenende hat sein Team ein Hallenturnier gewonnen. »Zum Glück hat sich niemand verletzt«, sagt Enochs, als er vom Platz schlurft und Hütchen in den Geräteraum bringt. Er schaut seinen Spielern hinterher, die nun heimfahren. »Haste gesehen, wie die Jungs mitgezogen haben?« Er ist stolz, dass sich hier niemand für eine große Nummer hält. »Zwickau«, sagt er, »ist für sie eine Chance.« Ein Satz, den man hier selten hört. Ein amerikanischer Satz: zuversichtlich, positiv. Vielleicht passt Enochs deswegen ganz gut nach Zwickau, weil er Optimismus in einer Gegend verbreitet, in der es sonst nicht viel zu lachen gibt. Aufbau Ost irgendwie. Und das gilt auch für die Spieler, denn der aktuelle FSV ist ein Team von Unbekannten, ehemalige Reservisten von Zweitligisten oder Bundesliga-Nachwuchsteams, ehemalige Dritt- und Viertligakicker. In Spielen gegen Karlsruhe oder 1860 München können sie sich einem größeren Publikum zeigen. Und natürlich ist Zwickau auch für Enochs eine Chance, der hier beweisen will, dass er es auch fernab der lila-weißen Komfortzone schaffen kann.

Nach seiner Entlassung beim VfL hatte er ein Angebot von Rot-Weiss Essen, ein anderes aus Chemnitz. Aber in Zwickau habe er die besten Gespräche geführt, sagt er. »Die Leute waren ehrlich. Ich habe das Gefühl, dass ich ihnen vertrauen kann.« Vielleicht fassen diese beiden Sätze Enochs am besten zusammen. Früher machte er Verträge per Handschlag. Nie schickte er Berater vor, er hatte nicht mal einen. Nie dachte er über Wechsel nach, baute keine Luftschlösser, war nie ein Dicke-Hose-Typ oder Lautsprecher. Er schätzte sich eher nüchtern ein: »Ich wusste schon bei St. Pauli: Für die Bundesliga reicht es nicht.« Vielleicht hat ihn deswegen jener Tag im Oktober 2017 so mitgenommen. Weil er die Kündigung als unfair empfand. Weil er die Kälte des Geschäfts spürte. War der VfL nicht mal anders gewesen?

Ist Zwickau jetzt Heimat?

»Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird«, schrieb Christian Morgenstern. In Zwickau hat Enochs nun beides: Hier hat er seinen Wohnsitz, hier fühlt er sich verstanden. Aber Heimat?

»Vielleicht USA, vielleicht immer noch Zwickau.« - Joe Enochs überlegt. (Foto: Sebastian Wells)

Am Abend sitzt Joe Enochs am Esstisch in seiner Wohnung. Sein Hund spielt mit einem Stofftier. Seine Frau ist noch nicht zu Hause, sie arbeitet am Empfang eines FSV-Sponsors. Enochs, der Super Normal One, trägt noch seinen Trainingsanzug. Er sagt, er habe natürlich auch einiges gelernt aus der Osnabrücker Trainerzeit. Heute sei seine Mannschaft flexibler, er könne sie variabel einstellen und selbst bessere Gegner überraschen. Der KSC, einer der Aufstiegsfavoriten, schoss den Ausgleich erst in der 90. Minute. Das große Ziel des FSV sind trotzdem nur der Klassenerhalt und die Qualifikation für den DFB-Pokal. Momentan ist die Mannschaft Zehnter.

SMS vom Bürgermeister

Enochs scheint aber zufrieden damit. Er kann sich immer noch recht gut selbst einschätzen. Er sagt nicht, dass er in die Bundesliga will. Im Gegenteil, er sagt: »Ich bin schon 47, und das ist für einen Trainer recht alt.« Und in fünf Jahren? »Vielleicht USA, vielleicht immer noch Zwickau. Vielleicht gehen wir eines Tages sogar wieder zurück nach Osnabrück. Unser Haus haben wir noch.« Die Spiele des VfL, der mit Thioune souverän die Liga anführt, verfolgt er noch. Und Bürgermeister Wolfgang Griesert schickt ihm hin und wieder eine SMS.

Er blickt sich im Wohnzimmer um. An der Wand hängen drei kleine Bilder von San Francisco, Fotos der Kinder. Dann klingelt das Handy, seine ältere Tochter ist dran. Sie studiert mittlerweile in den USA. Als Enochs auflegt, sagt er: »Meine Heimat ist da, wo meine Familie ist.« Dann zieht er sich die Mütze auf und geht aus der Tür. »Komm«, sagt er, »ich bring euch eben zum Bahnhof.«