Osnabrück-Urgestein Joe Enochs ist jetzt Trainer in Zwickau

Ein Fußballstar, der kein Fußballstar war

Aber er weiß auch, dass die Gegenwart in Zwickau nicht gerade rosig aussieht. Der Kader hat den zweitniedrigsten Marktwert der Dritten Liga. Im Etat klafft eine Lücke in Höhe von 555 000 Euro, es droht der Zwangsabstieg in die Regionalliga. Über die Stadt wird überregional fast nur noch im Zusammenhang mit dem NSU berichtet. Das Neonazi-Trio Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos lebte zuletzt im Ortsteil Weißenborn. Und dann ist da noch die aktuelle politische Situation in Sachsen. Enochs, Sohn einer Mexikanerin und Trump-Kritiker, gibt zu, dass er ein paar Vorurteile hatte. »Dass die AfD hier so viele Leute erreicht, ist erschreckend«, sagt er. »Aber sind alle Wähler glühende Anhänger dieser Partei? Viele fühlen sich abgehängt. Nach der Wende sind 40 000 Menschen aus Zwickau weggezogen. Dabei ist es schön hier. Die Region hat Potential.«

Joe, der Sheriff

Enochs spaziert über den Zwickauer Hauptmarkt, vorbei an der Straßenbahnstation der Linie 3 und dem Denkmal des Komponisten Robert Schumann, dem berühmtesten Sohn der Stadt. Im Vor-dergrund das Rathaus und eine Eisdiele, im Hintergrund erhebt sich der Dom. Hier sieht Zwickau aus wie aus dem Märklin-Modell-Katalog: aufgeräumt, harmonisch, an der Ampel hupt ein Fahrer und winkt Enochs zu. Der Vizepräsident. Vor dem Rathaus erkennen ihn zwei ältere Damen, eine wünscht ihm Glück für die Rückrunde. Als er weitergeht, fragt eine dritte: »Wer war das?« 
In Osnabrück war er immer der Joe zum Anfassen. Selbst nach bitteren Niederlagen spazierte er durch die Stadt, und wenn ihn jemand ansprach, was alle paar Meter vorkam, stellte er seine Tasche ab und erklärte, wie er sich fühlte und was ihm Hoffnung machte. Er war ein Fußballstar, der kein Fußballstar war. Und wenn es die Leute interessierte, erzählte er Geschichten aus seinem Leben.

Training im umgebauten Westsachsenstadion. (Foto: Sebastian Wells)

Aufgewachsen ist er in Petaluma, einer Kleinstadt bei San Francisco. Er mochte Basketball und Fußball. Am Wochenende schaute er die Fernsehshow »Soccer made in Germany«, sein Lieblingsteam war der FC Bayern. Später studierte er Kriminalistik in Sacramento. Wenn Enochs nicht Fußballer geworden wäre, würde er heute vermutlich als Polizist arbeiten. Immer noch sind ihm zwei Dinge wichtig: Sicherheit und Struktur. Und man könnte denken, so einer musste ja über kurz oder lang in Deutschland landen. Ein Wegbegleiter aus Osnabrück sagte ihm mal: »Joe, du bist so korrekt, du schnallst dich sogar im Autokino an.«

»Ich komm’ zum Glück aus Osnabrück«

Er selbst sagt: »Ich mag auch das Risiko.« Und es stimmt, Enochs kann beides sein: ein Ordnungsliebhaber und ein Abenteurer. 1994 rief ihn sein alter Collegefreund Mark Baena an, der als Halbprofi beim Drittligisten TuS Hoisdorf im Norden von Hamburg spielte. »Komm doch rüber«, sagte Baena. »Hier wirst du viel Spaß haben.« Also packte Enochs seine Sachen und machte sich auf nach Deutschland. Er erhielt einen Vertrag für die zweite Mannschaft des FC St. Pauli, 500 Mark gab es da immerhin. Manchmal fegte er nach den Spielen der Profis die Tribünen des alten Millerntors, um sich etwas dazuzuverdienen. Aber er war jung und brauchte eh kaum Geld. Mit vier Freunden wohnte er in einer WG in Hamburg-Eimsbüttel. Sie hatten nicht mal Möbel, und die Matratzen, auf denen sie schliefen, hatten sie in der U-Bahn durch die halbe Stadt transportieren müssen. Enochs lernte Deutsch, indem er jeden Tag die Sendung »Glücksrad« im Fernsehen schaute und Hermann Hesses »Steppenwolf« im Original las. Er mochte Hamburg, aber in Osnabrück verliebte er sich. Vielleicht, weil die Stadt ein bisschen ist wie Enochs selbst.

Im Volksmund heißt sie Osna, was klingt wie der Name einer Programmiersprache. Osnabrooklyn nennen sie die Jugendlichen. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit: Die Stadt ist urban, aber sie ist vor allem übersichtlich, sympathisch und ein wenig unspektakulär. Vor einigen Jahren fand der »Stern« in einer Erhebung heraus, dass in Osnabrück die Menschen am glücklichsten sind. Ein Motto der Stadt lautet seither: »Ich komm’ zum Glück aus Osnabrück.«