Osnabrück-Urgestein Joe Enochs ist jetzt Trainer in Zwickau

Warum Joe Enochs nach Zwickau ging

Anfangs hatte Enochs Erfolg. Vielleicht, weil er das genaue Gegenteil seines Vorgängers war. Maik Walpurgis, so hieß es, sprach nicht gern. Nach Auswärtsspielen reiste er sogar im eigenen Pkw nach Hause, während die Spieler im Mannschaftsbus durch die Republik tingelten. Enochs aber führte das Team mit seiner begeisternden Art vom vorletzten Platz auf den vierten. In der darauffolgenden Saison wurde der VfL Sechster. Aber es reichte den Verantwortlichen nicht, und dann kam der Tag, von dem Enochs gesprochen hatte. Osnabrück verlor im September 2017 das Derby gegen Preußen Münster und rutschte auf einen Abstiegsplatz. Enochs wurde zur Unterredung in ein Hotelzimmer bestellt. Da saß er dann vor seinen Vorgesetzten wie ein Schuljunge, der zum Rapport muss. Er bat um eine Frist, fünf Spiele, das packen wir! Aber sein ehemaliger Mitspieler Uwe Brunn, der nun Vizepräsident war, schüttelte den Kopf.

Keine gewöhnliche Entlassung

Was hatte er falsch gemacht? War er zu loyal zum Verein gewesen, wenn es wieder hieß: »Sorry Joe, kein Geld fürs Trainingslager«? Zu nachsichtig mit den Spielern, wenn sie übergewichtig aus dem Urlaub kamen? Zu freundlich in diesem Ellenbogengeschäft? Seine Kritiker sagen, er sei zu ängstlich in seiner Spielphilosophie. Ein Arbeiter sei er, ein ehrlicher Typ, das schon, aber phantasielos. Der Trainer Enochs war jedenfalls nie so beliebt wie der Spieler oder der Mensch. Als die »Neue Osnabrücker Zeitung« im Frühjahr 2017 eine Umfrage durchführte, sprachen sich 48 Prozent gegen seine Weiterbeschäftigung aus.

Wie auch immer: Es war keine gewöhnliche Trainerentlassung, es war das Ende einer Ära, und für ein paar Tage legte sich eine bleierne Schwere über den Verein und die Stadt. Sportdirektor Lothar Gans, Enochs alter Freund, erklärte, er sei gegen die Entlassung gewesen. Geschäftsführer Jürgen Wehland sagte: »Das ist ein bitterer Tag.« Und als Daniel Thioune, eine Art Ziehsohn Enochs, der Trainerposten angeboten wurde, bat dieser bei dem geschassten Coach um sein Einverständnis. Enochs sagte, das sei okay, aber eigentlich war nichts okay in diesen Tagen. Enochs war nicht mehr der freundliche Kalifornier von nebenan, er verließ sein Haus kaum. In Interviews gab er sich abweisend.

Bürgermeister oder Zwickau?

Natürlich hätte es für Enochs auch danach Optionen in Osnabrück gegeben. Er hätte wieder im Jugendbereich des VfL arbeiten oder sich hinter den Tresen seiner Sportsbar stellen können, die er 2008 mit einem Freund am Heger Tor eröffnet hatte. Irgendwas hätte er in der Stadt schon gemacht, vermutlich hätte er sogar Bürgermeister werden können. »Aber ich hatte mich ja entschieden: Ich wollte als Trainer einer Profimannschaft arbeiten«, sagt Enochs.

Nun also Zwickau. Auch eine Fußballstadt, auch ein Traditionsverein.
 Als BSG Motor und BSG Sachsenring wurde der Klub Meister, Pokalsieger, und im Europapokal scheiterte das Teamum Jürgen Croy 1976 erst im Halbfinale.
 Mit der Geschichte des Vereins und der Stadt hat sich Enochs ausführlich beschäftigt. Er ist nicht einfach so hierhergezogen, er will kein Saisonarbeiter sein. Seine Frau und seine jüngere Tochter sind mitgekommen, sie leben in einer Altbauwohnung, fünf Autominuten vom Zentrum entfernt. Und wenn er vom Europapokal 1976 erzählt, Celtic, Florenz, Anderlecht, klingt es, als hätte er selbst in der Kurve des Westsachsenstadions gestanden.